Die Villa des Timoleon
unknownWär′s eine Nymphe, die in der Einsamkeit Dem Wandrer sich verräth? Im Gebüsch vielleicht Verborgen lauscht das holde Wesen Und dem Erschöpften ertönt die Stimme:
Komm, labe, Wandrer, dich und Epipoli Gestärkt besteigst du! Täuscht′ ich mich nicht, es quillt Vom Felsen sprudelnd und der Bäume Freundliche Schatten verbreiten Kühlung.
Dem Berg entsproßt großblätterig Indiens Frucht Voll Purpurfeigen, auch die Cypresse ragt, Es reift die Goldorang′ und lieblich Birgt sich im ewigen Grün die Mühle.
Ich trinke; dankt′ ich′s, lauschende Nymphe, dir? O welche Stille! Wohnte die Schwermuth hier, Der Schmerz, vielleicht verkannte Tugend, Oder die Weisheit, die Völkern Heil bringt?
Timoleon, o Name mir werther selbst Als Recht und Tugend, Wort und Gedanke nur! Du bist die That! Es schuf den Menschen, Schuf auch die Erde des Gottes That nur.
Timoleon, dir bietet der Denker selbst, Der Seher des Cefiß, der unsterbliche, Das Haupt; was er im Geiste geträumet, Doppelt hast du′s in der That geschaffen.
Sah je im Tempel größeren Sterblichen Ortygias Gottheit? Gelon, der Alte, nicht, Nicht Hermokrat, nur Einer ist hier, Nur Aristomaches Bruder ähnlich,
Der Mann, der einst den Weisen von Griechenland Das Schwert umgürtet und den Tyrannen schlug, Ein Gott und Retter heut gefeiert, Morgen gemordet von schnöder Habsucht.
Timoleon, ertöne dein Name mir Noch einmal! Großer Vater des Volks, du hast Zertrümmert des Tyrannen Burg und Hast auf den Trümmern gestürzter Herrschaft
Dir selbst den Thron, Großmüthigster, nicht gebaut, Wie Menschen pflegen, hast den Entfesselten Der Freiheit Haus und seine Säulen, Weiser Gesetze Geschenk verliehen.
So, nach vollbrachtem Werke, du blinder Greis, Rathgeber, angebeteter stets des Volks, Tratst du in Einsamkeit und Ruhe, Ruhe genießend, denn Ruhe schufst du.
O Brudermörder, wie doch erhabener Bist du als jener Römer, der Sieger, doch Zerstörer ist. Zweimal gestritten, Zweimal entsagt und befreiet hast du.
Und gält′ es eines anderen Bruders Blut, Fürs Heil des Volkes fließ′ es und Vaterland, Und göttlich dünke mir dein Herz und Schön wie die Liebe der Dioskuren.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Villa des Timoleon" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Hommage an den antiken griechischen Staatsmann und Feldherrn Timoleon. Das Gedicht beginnt mit einer mystischen Szene, in der der Wanderer eine versteckte Quelle in der Einsamkeit findet, die von einer Nymphe bewacht zu sein scheint. Diese Quelle symbolisiert die Erfrischung und Stärkung, die Timoleon dem Volk gebracht hat. Die üppige Vegetation, die beschrieben wird, spiegelt die Fülle und den Wohlstand wider, den Timoleon in Sizilien geschaffen hat. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Stille der Umgebung und fragt sich, ob hier Traurigkeit, Schmerz, Tugend oder Weisheit wohnen. Die Antwort liegt in der Figur Timoleons, der als Verkörperung von Tatkraft und göttlichem Handeln dargestellt wird. Der Dichter vergleicht Timoleon mit einem Gott, der die Erde geschaffen hat, und betont seine herausragenden Leistungen, die sogar den großen Philosophen und Sehern überlegen sind. Timoleon wird als der Einzige gefeiert, der den Tyrannen stürzte und als Retter des Volkes geehrt wurde, aber auch von Habgier verraten wurde. Im letzten Teil des Gedichts wird Timoleons Bescheidenheit und Weisheit hervorgehoben. Nachdem er die Burg des Tyrannen zerstört und dem Volk die Freiheit geschenkt hat, verzichtet er auf den Thron und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Der Dichter vergleicht Timoleon mit einem römischen Sieger, der zwar ein Zerstörer war, während Timoleon zweimal für die Freiheit kämpfte und sie zweimal wiederherstellte. Auch wenn Timoleon seinen eigenen Bruder getötet hat, um das Volk zu retten, wird sein Herz als göttlich und schön wie die Liebe der Dioskuren dargestellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Timoleon, ertöne dein Name mir
- Anspielung
- Der Seher des Cefiß, der unsterbliche
- Apostrophe
- Timoleon, o Name mir werther selbst
- Bildsprache
- Es reift die Goldorang′ und lieblich Birgt sich im ewigen Grün die Mühle
- Hyperbel
- Du bist die That!
- Kontrast
- Zweimal gestritten, Zweimal entsagt und befreiet hast du
- Metapher
- Es schuf den Menschen, Schuf auch die Erde des Gottes That nur!
- Personifikation
- Dem Berg entsproßt großblätterig Indiens Frucht
- Symbolik
- Die Villa des Timoleon
- Vergleich
- Schön wie die Liebe der Dioskuren