Die vier Weltalter

Friedrich von Schiller

1802

Wohl perlet im Glase der purpurne Wein, Wohl glänzen die Augen der Gäste; Es zeigt sich der Sänger, er tritt herein, Zu dem Guten bringt er das Beste; Denn ohne die Leyer im himmlischen Saal Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl.

Ihm gaben die Götter das reine Gemüt, Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt; Er hat alles gesehn, was auf Erden geschieht, Und was uns die Zukunft versiegelt; Er saß in der Götter urältestem Rat Und behorchte der Dinge geheimste Saat.

Er breitet es lustig und glänzend aus, Das zusammengefaltete Leben, Zum Tempel schmückt er das irdische Haus, Ihm hat es die Muse gegeben; Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein, Er führt einen Himmel voll Götter hinein.

Und wie der erfindende Sohn des Zeus Auf des Schildes einfachem Runde Die Erde, das Meer und den Sternenkreis Gebildet mit göttlicher Kunde, So drückt er ein Bild des unendlichen All In des Augenblicks flüchtig verrauschenden Schall.

Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt, Wo die Völker sich jungendlich freuten; Er hat sich, ein fröhlicher Wandrer, gesellt Zu allen Geschlechtern und Zeiten. Vier Menschenalter hat er gesehn, Und lässt sie am fünften vorüber gehn.

Erst regierte Saturnus schlicht und gerecht, Da war es heute wie morgen, Da lebten die Hirten, ein harmlos Geschlecht, Und brauchten für gar nichts zu sorgen; Sie leibten und taten weiter nichts mehr, Die Erde gab alles freiwillig her.

Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann Mit Ungeheuern und Drachen, Und die Helden fingen, die Herrsche ran, Und den Mächtigen suchten die Schwachen. Und der Streit zog in des Skamanders Feld; Doch die Schönheit war immer der Gott der Welt.

Aus dem Kampf ging endlich der Sieg hervor, Und der Kraft erblühte die Milde, Da sangen die Musen im himmlischen Chor, Da erhuben sich Göttergebilde - Das Alter der göttlichen Phantasie, Es ist verschwunden, es kehret nie.

Die Götter sanken vom Himmelsthron, Es stürzten die herrlichen Säulen, Und geboren wurde der Jungfrau Sohn, Die gebrechen der Erde zu heilen; Verbannt ward der Sinne flüchtige Lust, Und der Mensch griff denkend in seine Brust.

Und der eitle, der üppige Reiz entwich, Der die frohe Jugendwelt zierte; Der Mönch und die Nonne zergeißelten sich, Und der eiserne Ritter turnierte. Doch war das Leben auch finster und wild, So blieb doch die Liebe lieblich und mild.

Und einen heiligen, keuschen Altar Bewahrten sich stille die Musen; Es lebte, was edel und sittlich war, In der Frauen züchtigem Busen; Die Flamme des Liedes entbrannte neu An der schönen Minne und Liebestreu.

Drum soll auch ein ewiges zartes Band Die Frauen, die Sänger umflechten; Sie wirken und weben, Hand in Hand, Den Gürtel des Schönen und Rechten. Gesang und Liebe in schönem Verein, Sie erhalten dem Leben den Jugendschein.

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Illustration zu Die vier Weltalter

Interpretation

Das Gedicht "Die vier Weltalter" von Friedrich von Schiller thematisiert die Entwicklung der Menschheit durch vier verschiedene Zeitalter, die jeweils von unterschiedlichen Eigenschaften und Idealen geprägt sind. Der Dichter, als Sänger und Erzähler, führt den Leser durch diese Epochen und verdeutlicht den Wandel der Gesellschaft sowie den Einfluss der Kunst und der Liebe auf das menschliche Dasein. Im ersten Abschnitt wird der Dichter als göttlich begabter Sänger vorgestellt, der die ewige Welt in seinem reinen Gemüt widerspiegelt und alles Geschehen auf Erden sowie die Zukunft kennt. Er ist in der Lage, das Leben in all seinen Facetten darzustellen und selbst in den bescheidensten Behausungen einen Himmel voller Götter zu erschaffen. Der Dichter wird als Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen dargestellt, der die ewige Schönheit und Wahrheit in seinen Werken zum Ausdruck bringt. Die vier Weltalter werden anschließend detailliert beschrieben. Das erste Zeitalter unter der Herrschaft des Saturnus ist geprägt von Einfachheit, Gerechtigkeit und sorgloser Lebensweise der Hirten. Im zweiten Zeitalter entsteht durch Arbeit und Kampf mit Ungeheuern und Drachen eine neue Gesellschaftsordnung, in der Helden und Herrscher aufsteigen und die Schönheit weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Das dritte Zeitalter ist durch den Sieg der Kraft und die Milde gekennzeichnet, in dem die Musen im himmlischen Chor singen und göttliche Gebilde entstehen. Das vierte Zeitalter wird von der Geburt des Jungfrau Sohnes, dem Niedergang der Götter und dem Aufkommen des nachdenklichen Menschen geprägt. Trotz der Dunkelheit und Wildheit dieses Zeitalters bleibt die Liebe lieblich und mild, und die Musen bewahren einen heiligen Altar in den Herzen der Frauen. Im abschließenden Abschnitt betont Schiller die ewige Verbindung zwischen Frauen und Sängern, die gemeinsam den Gürtel des Schönen und Rechten weben. Durch den Gesang und die Liebe wird dem Leben ein jugendlicher Glanz verliehen, der die Menschheit auch in den dunkelsten Zeiten erleuchten kann. Das Gedicht vermittelt somit eine optimistische Botschaft über die Kraft der Kunst und der Liebe, die den ewigen Wandel der Welt überdauern und den Menschen in allen Zeitaltern Trost und Inspiration spenden.

Schlüsselwörter

götter welt leben erde sänger himmlischen gesehn sohn

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Stilmittel

Hyperbel
Er führt einen Himmel voll Götter hinein
Metapher
Die schöne Minne und Liebestreu
Personifikation
Die Frauen züchtigem Busen
Vergleich
Wie der erfindende Sohn des Zeus