Die verzauberte Jungfrau

Friedrich Rückert

1827

Die Jungfrau, die verzaubert dort Sitzt in der Höhle Grunde, Hat auf Erlösung fort und fort Gewartet bis zur Stunde; Wer sich an die Erlösung wagt, Muß einen Kuß nur unverzagt Aufdrücken ihrem Munde. Allein beim Küssen ziert sie sich, Und gar nicht hold jungfräulich, Verwandelnd umgebiert sie sich In viel Gestalten greulich, Daß nur ein unerschrockner Mann Es ansehn und sie küssen kann, Wie sie sich stellt abscheulich. Da war ein Schneider jung und keck, Der kühnste Mann auf Erden, Dem saß das Herz am rechten Fleck: Magst du dich nur gebärden! Und was du tust und was du sagst, Und wie du dich verwandeln magst, Du sollst erlöset werden. Die Jungfrau ward von Angesicht Zum schrecklichsten der Drachen; Der tapfre Schneider zittert nicht, Und küßt sie auf den Rachen; Die Jungfrau wird ein grimmer Leu, Schon will der Schneider auch nicht scheu Zum Kuß sich fertig machen. Die Jungfrau wird zum Krokodil, Er will zum Kusse schreiten; Und wie sie sich verwandeln will, Er wird sie doch erstreiten. Zuletzt wird sie ein Ziegenbock, Da rennt er über Stock und Block: Dich mag der Teufel reiten!

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Illustration zu Die verzauberte Jungfrau

Interpretation

Das Gedicht "Die verzauberte Jungfrau" von Friedrich Rückert handelt von einer Jungfrau, die in einer Höhle auf Erlösung wartet. Jeder, der sich an ihre Erlösung wagt, muss ihr einen Kuss aufdrücken. Doch beim Küssen verwandelt sie sich in schreckliche Gestalten, um den Mut des Erlösers zu prüfen. Nur ein unerschrockener Mann kann sie küssen, wie sie sich auch stellt. Ein tapferer Schneider wagt sich an die Aufgabe, die Jungfrau zu erlösen. Er lässt sich nicht von den schrecklichen Verwandlungen der Jungfrau abschrecken und küsst sie unerschrocken. Die Jungfrau verwandelt sich in einen Drachen, einen Löwen, ein Krokodil und schließlich in einen Ziegenbock. Doch der Schneider bleibt standhaft und küsst sie trotz aller Verwandlungen. Das Gedicht endet mit den Worten des Schneiders: "Dich mag der Teufel reiten!" Diese Worte drücken seine Enttäuschung und Wut über die Täuschung der Jungfrau aus. Er hat alles getan, um sie zu erlösen, aber sie hat ihn nur getäuscht. Das Gedicht ist eine Warnung davor, sich auf scheinbar einfache Aufgaben einzulassen, die sich als viel schwieriger erweisen können als erwartet.

Schlüsselwörter

jungfrau schneider will erlösung fort kuß küssen mann

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sitzt in der Höhle Grunde
Bildsprache
Zum schrecklichsten der Drachen
Hyperbel
Der kühnste Mann auf Erden
Ironie
Dich mag der Teufel reiten!
Kontrast
Und gar nicht hold jungfräulich
Metapher
Die Jungfrau, die verzaubert dort
Personifikation
Hat auf Erlösung fort und fort Gewartet bis zur Stunde
Symbolik
Du sollst erlöset werden