Die verworfene Liebe

Johann Christian Günther

1695

Ich habe genug. Lust, Flammen und Küße Sind giftig und süße Und machen nicht klug. Komm, selige Freyheit und dämpfe den Brand, Der meinem Gemüte die Weisheit entwand.

Was hab ich getan! Jetzt seh ich die Triebe Der törichten Liebe Vernünftiger an; Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz.

Was quält mich vor Reu? Was stört mir vor Kummer Den nächtlichen Schlummer? Die Zeit ist vorbei. O köstliches Kleinod, o teurer Verlust! O hätt ich die Falschheit nur eher gewußt!

Geh, Schönheit, und fleuch! Die artigsten Blicke Sind schmerzliche Stricke; Ich mercke den Streich. Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwei Und zeigt meiner Schönen: Nun leb ich recht frei.

Nun leb ich recht frei Und schwöre von Herzen, Daß Küssen und Scherzen Ein Narrenspiel sei; Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug. Geh, falsche Syrene, ich habe genug!

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Illustration zu Die verworfene Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Die verworfene Liebe" von Johann Christian Günther handelt von einer Abkehr von der romantischen Liebe und einer Hinwendung zur Freiheit und Vernunft. Der Sprecher des Gedichts bekennt, genug von der Liebe und ihren damit verbundenen Leidenschaften wie Lust, Flammen und Küssen zu haben. Er sieht diese als giftig und betrügerisch an und ruft nach der "seligen Freyheit", um den Brand der Liebe zu dämpfen, der ihm die Weisheit geraubt hat. Der Sprecher bricht mit den Fesseln der Liebe und löst sein Herz, um den zärtlichen Schmerz bewusst zu hassen. In der dritten Strophe äußert der Sprecher Reue und Kummer darüber, die Falschheit der Liebe nicht früher erkannt zu haben. Er beklagt den Verlust, den er durch die Liebe erlitten hat, und wünscht, er hätte die Täuschung früher durchschaut. In der vierten Strophe fordert er die Schönheit auf, zu fliehen, da er nun erkennt, dass selbst die charmantesten Blicke schmerzhafte Fallen sind. Er verbrennt Liebesbriefe und zerbricht einen Ring als Symbole seiner Befreiung von der Liebe. Im letzten Strophenpaar bekräftigt der Sprecher, nun frei zu leben und von Herzen zu schwören, dass Küssen und Scherzen ein Narrenspiel sind. Er erklärt, dass sich zu verlieben ein Zeichen von Unvernunft ist, und verabschiedet sich von der falschen Verführerin (Syrene), da er genug von der Liebe hat.

Schlüsselwörter

habe genug klug geh leb recht frei lust

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Stilmittel

Anapher
Ich habe genug
Metapher
Geh, falsche Syrene
Personifikation
Komm, selige Freyheit und dämpfe den Brand