Die Verscheuchte

Else Lasker-Schüler

1943

Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt, entseelt begegnen alle Welten sich - kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild… Die Welt erkaltete, der Mensch verblich. - Komm, bete mit mir - denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild durch bleiche Zeiten träumend - ja, ich liebte dich…

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt? - Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich und ich - vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült, an deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt - auch du und ich.

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Illustration zu Die Verscheuchte

Interpretation

Das Gedicht "Die Verscheuchte" von Else Lasker-Schüler beschreibt eine tiefe Einsamkeit und Verzweiflung. Der erste Vers spricht von einem Tag, der in Nebel gehüllt ist, und von einer Welt, in der alle Welten sich begegnen, aber kaum zu erkennen sind. Die Dichterin fühlt sich entseelt und allein, und es scheint, als ob ihr Herz schon lange nicht mehr mild war. Die Welt um sie herum erkaltet, und der Mensch verblasst. Im zweiten Vers fragt die Dichterin nach dem Odem, der aus ihrem Leben gewichen ist. Sie streift heimatlos durch bleiche Zeiten, träumend und voller Sehnsucht nach Liebe. Sie liebte jemanden, aber wo ist diese Liebe jetzt? Die Dichterin fühlt sich verloren und allein, wie ein wildes Tier, das durch die Landschaft streift. Im dritten Vers fragt sich die Dichterin, wohin sie gehen soll, wenn der kalte Nordsturm brüllt. Sie wagt sich vor die Tür des Menschen, den sie liebt, wie ein Bündel Wegerich, das sich vorwagt. Die Dichterin hofft auf Trost und Liebe, aber sie fühlt sich scheu und unsicher. Im letzten Vers spricht die Dichterin von Tränen, die alle Himmel weggespült haben. An deren Kelchen haben Dichter ihren Durst gestillt, auch sie und der Mensch, den sie liebt. Die Dichterin hofft auf eine gemeinsame Zukunft, aber sie ist sich nicht sicher, ob diese Hoffnung erfüllt wird.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Apostrophe
Komm, bete mit mir - denn Gott tröstet mich
Metapher
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült
Personifikation
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich