Die Verliebte
1751Doris ach! du willst nicht fühlen, Wie die Zephyrs lispelnd spielen? Diese Gärten, diese Wiesen, Werden dir umsonst gepriesen? Die Natur, mit ihren Schätzen, Kann dich nicht einmal ergetzen? Vermuthlich bist du verliebt.
In das Kloster willst du ziehen? Vor den Menschen willst du fliehen? Finstre, räthselvolle Schriften, Sollen deine Ruhe stiften? Und das Glück, vergnügt zu leben, Soll die Einsamkeit dir geben? Ohnfehlbar bist du verliebt.
Deine Jugend hinzubringen, Willst du bethen oder singen? Um dein Leben wohl zu enden, Läßt du dir den Cubach senden? Und, um unbeklagt zu sterben Soll dein Kloster von dir erben? Wahrhaftig bist du verliebt!
Sieh, hier kömmt Myrtill gegangen. Sieh, er zittert vor Verlangen, Dich inbrünstig zu umfangen. Sieh, es blühn auf seinen Wangen Rosen, die bey Liljen prangen! Sieh, itzt wird er dich umfangen! O! Doris, wärst du verliebt!
Doch was seh ich? voll Entzücken, Wandelst du mit deinen Blicken, Die doch schon im Himmel irrten, Auf den Wangen dieses Hirten? Ach sie küßt ihn! Kinder! bebet! Sarg und Bahre - - - Nichts! sie lebet. Sie ist gewaltig verliebt.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Verliebte" von Johanna Charlotte Unzer handelt von einer jungen Frau namens Doris, die scheinbar unnahbar und desinteressiert an der Welt um sie herum wirkt. Der Erzähler versucht, ihr die Schönheit der Natur und des Lebens nahezubringen, doch sie scheint unberührt davon zu bleiben. Die Vermutung liegt nahe, dass Doris verliebt ist, was ihre scheinbare Gleichgültigkeit erklären könnte. Die Handlung nimmt eine Wendung, als Doris' heimliche Liebe zu einem Hirten namens Myrtill enthüllt wird. Die Beschreibung von Myrtill als zitternd vor Verlangen und mit Rosen auf den Wangen deutet auf seine tiefe Zuneigung zu Doris hin. Der Erzähler, der zuvor noch versucht hatte, Doris zu überzeugen, scheint nun selbst von der Intensität der Gefühle überwältigt zu sein und wünscht sich, Doris wäre verliebt. Die Enthüllung von Doris' Liebe zu Myrtill geschieht in einem dramatischen Moment, als sie ihn küsst. Der Erzähler ist fassungslos und beklagt den Verlust von Doris an die Liebe, indem er von Sarg und Bahre spricht. Doch dann stellt er fest, dass Doris noch lebt und "gewaltig verliebt" ist. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Liebe übermächtig sein kann und selbst diejenigen, die scheinbar unerreichbar sind, von ihr ergriffen werden können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Finstre, räthselvolle Schriften
- Anapher
- Doris ach! du willst nicht fühlen... Diese Gärten, diese Wiesen... Die Natur, mit ihren Schätzen
- Ausruf
- O! Doris, wärst du verliebt!
- Bildsprache
- Rosen, die bey Liljen prangen
- Ellipse
- Sarg und Bahre - - - Nichts! sie lebet.
- Ironie
- Um dein Leben wohl zu enden, Läßt du dir den Cubach senden?
- Metapher
- Die Natur, mit ihren Schätzen
- Rhetorische Frage
- Doris ach! du willst nicht fühlen, Wie die Zephyrs lispelnd spielen?