Die Verlassene

Gertrud Kolmar

1917

Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann? Ich fasse dich mit meinen Augen an, Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.

Ich zieh dich unter dieses Lid Und schließ es zu und du bist ganz darinnen. Wie willst du gehn aus meinen Sinnen, Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?

Du läßt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen Wie einen welken Strauß, Der auf die Straße niederweht, vorm Haus Zertreten und bestäubt von allen.

Ich hab dich liebgehabt. So lieb. Ich habe so geweint … mit heißen Bitten … Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten, Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.

Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter Auf schmalem Inselstrich, Den Gärtner meines Früchtegartens dich, Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.

Ich spürte kaum, daß mir der Hafen brach, Der meine Jugend hielt - und kleine Sonnen, Daß sie vertropft, in Sand verronnen. Ich stand und sah dir nach.

Dein Durchgang blieb in meinen Tagen, Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt, Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt, Um immer ihn zu tragen.

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Illustration zu Die Verlassene

Interpretation

Das Gedicht "Die Verlassene" von Gertrud Kolmar beschreibt die emotionale Verfassung einer Frau, die von ihrem Geliebten verlassen wurde. Die lyrische Ich-Erzählerin betont, dass sie ihren Geliebten auch in der Ferne noch in sich trägt und nicht vergessen kann. Sie vergleicht ihre Augen mit einem "Jägergarn", aus dem ihr Geliebter nicht entkommen kann. Die Erzählerin erinnert sich an die intensive Liebe, die sie für ihren Geliebten empfunden hat, und an die Tränen, die sie um ihn geweint hat. Sie bezeichnet ihn als "Freund", "Herr" und "Leuchtturmwächter" und betont, dass er für sie der gerechteste und weiseste Mensch war. Doch dann bricht der "Hafen" ihrer Jugend, und sie steht da und sieht ihrem Geliebten nach, wie er geht. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der "Durchgang" des Geliebten in den Tagen der Erzählerin bleibt, wie ein Wohlgeruch in einem Kleid, den es nicht kennt, aber nur empfängt und immer trägt. Dies deutet darauf hin, dass die Erzählerin trotz des Verlusts ihres Geliebten eine tiefe emotionale Verbindung zu ihm aufrechterhält und seine Anwesenheit in ihrem Leben weiterhin spürt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Ich habe so geweint ... mit heißen Bitten ...
Metapher
Daß sie vertropft, in Sand verronnen
Personifikation
Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht
Symbolik
Auf schmalem Inselstrich
Vergleich
Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt