Die Vergeltung

Annette von Droste-Hülshoff

1841

I

Der Kapitän steht an der Spiere, Das Fernrohr in gebräunter Hand, Dem schwarzgelockten Passagiere Hat er den Rücken zugewandt. Nach einem Wolkenstreif in Sinnen Die beiden wie zwei Pfeiler sehn, Der Fremde spricht: “Was braut da drinnen?” “Der Teufel”, brummt der Kapitän.

Da hebt von morschen Balkens Trümmer Ein Kranker seine feuchte Stirn, Des Äthers Blau, der See Geflimmer, Ach, alles quält sein fiebernd Hirn! Er läßt die Blicke, schwer und düster, Entlängs dem harten Pfühle gehn, Die eingegrabnen Worte liest er: “Batavia. Fünfhundert Zehn.”

Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn, Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde, Die Bohlen weichen mit Gestöhn. “Jesus, Marie! wir sind verloren!” Vom Mast geschleudert der Matros’, Ein dumpfer Krach in aller Ohren, Und langsam löst der Bau sich los.

Noch liegt der Kranke am Verdecke, Um seinen Balken fest geklemmt, Da kömmt die Flut, und eine Strecke Wird er ins wüste Meer geschwemmt. Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne, Das leistet ihm der starre Krampf, Und wie ein Narwall mit dem Horne Schießt fort er durch der Wellen Dampf

Wie lange so? er weiß es nimmer, Dann trifft ein Strahl des Auges Ball, Und langsam schwimmt er mit der Trümmer Auf ödem glitzerndem Kristall. Das Schiff! - die Mannschaft! - sie versanken. Doch nein, dort auf der Wasserbahn, Dort sieht den Passagier er schwanken In einer Kiste morschem Kahn.

Armsel’ge Lade! sie wird sinken, Er strengt die heisre Stimme an: “Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!” Und immer näher schwankt’s heran, Und immer näher treibt die Trümmer, Wie ein verwehtes Möwennest; “Courage!” ruft der kranke Schwimmer, “Mich dünkt ich sehe Land im West!”

Nun rühren sich der Fähren Ende, Er sieht des fremden Auges Blitz, Da plötzlich fühlt er starke Hände, Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz. “Barmherzigkeit! ich kann nicht kämpfen.” Er klammert dort, er klemmt sich hier; Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen, Am Balken schwimmt der Passagier.

Dann hat er kräftig sich geschwungen, Und schaukelt durch das öde Blau, Er sieht das Land wie Dämmerungen Enttauchen und zergehn in Grau. Noch lange ist er so geschwommen, Umflattert von der Möwe Schrei, Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen, Viktoria! nun ist er frei!

II

Drei kurze Monde sind verronnen, Und die Fregatte liegt am Strand, Wo mittags sich die Robben sonnen, Und Bursche klettern übern Rand, Den Mädchen ist’s ein Abenteuer Es zu erschaun vom fernen Riff, Denn noch zerstört ist nicht geheuer Das greuliche Korsarenschiff.

Und vor der Stadt da ist ein Waten, Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill, Da die verrufenen Piraten Ein jeder sterben sehen will. Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert, Hat man den Galgen, dicht am Meer, In wüster Eile aufgezimmert. Dort dräut er von der Düne her! Welch ein Getümmel an den Schranken! - “Da kömmt der Frei - der Hessel jetzt - Da bringen sie den schwarzen Franken, Der hat geleugnet bis zuletzt.” “Schiffbrüchig sei er hergeschwommen”, Höhnt eine Alte: “Ei, wie kühn! Doch keiner sprach zu seinem Frommen, Die ganze Bande gegen ihn.”

Der Passagier, am Galgen stehend, Hohläugig, mit zerbrochnem Mut, Zu jedem Räuber flüstert flehend: “Was tat dir mein unschuldig Blut! Barmherzigkeit! - so muß ich sterben Durch des Gesindels Lügenwort, O mög’ die Seele euch verderben!” Da zieht ihn schon der Scherge fort.

Er sieht die Menge wogend spalten - Er hört das Summen im Gewühl - Nun weiß er, daß des Himmels Walten Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel! Und als er in des Hohnes Stolze Will starren nach den Ätherhöhn, Da liest er an des Galgens Holze: “Batavia. Fünfhundert Zehn.”

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Illustration zu Die Vergeltung

Interpretation

Das Gedicht "Die Vergeltung" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt eine dramatische Geschichte über Schuld, Vergeltung und die Unausweichlichkeit des Schicksals. In zwei Teilen geschildert, beginnt die Handlung auf einem Schiff, wo ein Kapitän und ein mysteriöser Passagier in einen tödlichen Konflikt verwickelt werden. Der Passagier, ein Pirat, überlebt ein Schiffbruch und wird später als einer der Übeltäter identifiziert, was zu seiner Hinrichtung führt. Der erste Teil des Gedichts schildert den Untergang des Schiffes und den Kampf ums Überleben zwischen dem Kapitän und dem Passagier. Die Verse sind voller Spannung und dramatischer Bilder, die die Verzweiflung und den Überlebenskampf der Charaktere einfangen. Der Passagier, der als "schwarzgelockter Passagier" beschrieben wird, wird als mysteriöse und möglicherweise bösartige Figur dargestellt, deren Schicksal mit dem des Kapitäns verknüpft ist. Im zweiten Teil, nachdem der Passagier von einem anderen Schiff gerettet wurde, wird er als Pirat enttarnt und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtungsszene ist von einer Menge umgeben, die den Piraten verurteilt und verspottet. Der Passagier fleht um Gnade, aber seine Bitten bleiben ungehört. In einem letzten, ironischen Twist entdeckt er die Inschrift "Batavia. Fünfhundert Zehn" am Galgen, die an das Schicksal erinnert, das er einst anderen zugefügt hat. Dies unterstreicht das Thema der Vergeltung und die Idee, dass man für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Insgesamt ist "Die Vergeltung" ein packendes Gedicht, das Themen wie Schuld, Schicksal und die Unausweichlichkeit der Vergeltung behandelt. Durch die Verwendung von dramatischen Szenen und symbolischen Elementen vermittelt Droste-Hülshoff eine tiefgründige Botschaft über die Konsequenzen des eigenen Handelns und die moralische Ordnung des Universums.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Und als er in des Hohnes Stolze will starren nach den Ätherhöhn
Metapher
Da liest er an des Galgens Holze: 'Batavia. Fünfhundert Zehn.'
Onomatopoesie
Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde
Personifikation
Das Fernrohr in gebräunter Hand