Die Vergänglichkeit
1760(Gespräch auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht)
Der Bub seit zum Ätti:
Fast allmol, Ätti, wenn mer’s Röttler Schloß so vor den Auge stoht, se denki dra, öb’s üsem Hus echt au emol so goht. Stoht’s denn nit dört, so schuderig, wie der Tod im Basler Totetanz? Es gruset eim, wie länger as me’s bschaut. Und üser Hus, es sitzt jo wie ne Chilchli uffem Berg, und d’Fenster glitzeren, es isch e Staat. Schwetz, Ätti, goht’s em echterst au no so? I mein emol, es chönn schier gar nit si.
Der Ätti seit:
Du gute Burst, ’s cha frili si, was meinsch? ’s chunnt alles jung und neu, und alles schliicht sim Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, von alle rühr sie kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht. Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt. De bisch no jung; Närsch, ich bin au so gsi, jez würd’s mer anderst, ’s Alter, ’s Alter chunnt, und woni gang, go Gresgen oder Wies, in Feld und Wald, go Basel oder heim, ’s isch einerlei, i gang im Chilchhof zu, - brieg, alder nit! - und bis de bisch wien ich, e gstandene Ma, se bini nümme do, und d’Schof und Geiße weide uf mim Grab. Jo wegerli, und ’s Hus wird alt und wüst; der Rege wäscht der’s wüster alli Nacht, und d’Sunne bleicht der’s schwärzer alli Tag, und im Vertäfer popperet der Wurm. Es regnet no dur d’Bühne ab, es pfift der Wind dur d’Chlimse. Drüber tuesch du au no d’Auge zu; es chömme Chindeschind, und pletze dra. Zlezt fuults im Fundement, und ’s hilft nüt me. Und wemme nootno gar zweitusig zehlt, isch alles zsemmegkeit. Und ’s Dörfli sinkt no selber in si Grab. Wo d’Chilche stoht, wo ’s Vogts und ’s Here Hus, goht mit der Zit der Pflug -
Der Bub seit:
Nei, was de seisch!
Der Ätti seit:
Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’ witt! Isch Basel nit e schöni tolli Stadt? ’s sin Hüser drinn, ’s isch mengi Chilche nit so groß, und Chilche, ’s sin in mengem Dorf nit so viel Hüser. ’s isch e Volchspiel, ’s wohnt e Richtum drinn, und menge brave Her, und menge, woni gchennt ha, lit scho lang im Chrützgang hinterm Münsterplatz und schloft. ’s isch eitue, Chind, es schlacht emol e Stund, goht Basel au ins Grab, und streckt no do und dört e Glied zum Boden us, e Joch, en alte Turn, e Giebelwand; es wachst do Holder druf, do Büechli, Tanne dört, und Moos und Farn, und Reiger niste drinn - ’s isch schad derfür! - und sin bis dörthi d’Lüt so närsch wie jez, so göhn au Gspenster um, d’Frau Faste, ’s isch mer jez, sie lang scho a, me seit’s emol, - der Lippi Läppeli, und was weiß ich, wer meh? Was stoßisch mi?
Der Bub seit:
Schwetz lisli, Ätti, bis mer über d’Bruck do sin, und do an Berg und Wald verbei! Dört obe jagt e wilde Jäger, weisch? Und lueg, do niden in de Hürste seig gwiß ’s Eiermeidli glege, halber ful, ’s isch Johr und Tag. Hörsch, wie der Laubi schnuuft?
Der Ätti seit:
Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch! - “Hüst, Laubi, Merz!” - und loß die Tote go, sie tüen der nüt meh! - Je, was hani gseit? Vo Basel, aß es au emol verfallt. Und goht in langer Zit e Wandersma ne halbi Stund, e Stund wit dra verbei, se luegt er dure, lit ke Nebel druf, und seit sim Kamerad, wo mittem goht: “Lueg, dört isch Basel gstande! Selle Turn seig d’Peterschilche gsi, ’s isch schad derfür!”
Der Bub seit:
Nei, Ätti, isch’s der Ernst? Es cha nit si!
Der Ätti seit:
Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’ witt, und mit der Zit verbrennt die ganzi Welt. Es goht e Wächter us um Mitternacht, e fremde Ma, me weiß nit, wer er isch, er funklet, wie ne Stern, und rüeft: “Wacht auf! Wacht auf, es kommt der Tag!” - Drob rötet si der Himmel, und es dundert überal, zerst heimlig, alsgmach lut, wie sellemol, wo Anno sechsenünzig der Franzos so uding gschosse het. Der Bode schwankt, aß d’Chilchtürn guge; d’Glocke schlagen a, und lüte selber Bettzit wit und breit, und alles bettet. Drüber chunnt der Tag; o, bhütis Gott, me brucht ke Sunn derzu, der Himmel stoht im Blitz, und d’Welt im Glast. Druf gschieht no viel, i ha jez nit der Zit; und endli zündet’s a, und brennt und brennt, wo Boden isch, und niemes löscht. Es glumst wohl selber ab. Wie meinsch, sieht’s us derno?
Der Bub seit:
O Ätti, sag mer nüt me! Zwor, wie goht’s de Lüte denn, wenn alles brennt und brennt?
Der Ätti seit:
He, d’Lüt sin nümme do, wenn’s brennt, sie sin - wo sin sie? Seig du frumm, und halt di wohl, geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein! Siehsch nit, wie d’Luft mit schöne Sterne prangt! ’s isch jede Stern verglichlige ne Dorf, und witer obe seig e schöni Stadt, me sieht si nit vo do, und haltsch di gut, se chunnsch in so ne Stern, und ’s isch der wohl, und findsch der Ätti dort, wenn’s Gottswill isch, und ’s Chüngi selig, d’Mutter. Öbbe fahrsch au d’Milchstroß uf in die verborgeni Stadt, und wenn de sitwärts abe luegsch, was siehsch? e Röttler Schloß! Der Belche stoht verchohlt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, und zwische drinn isch alles use brennt, bis tief in Boden abe. D’Wiese het ke Wasser meh, ’s isch alles öd und schwarz, und totestill, so wit me luegt - das siehsch, und seisch dim Kamerad, wo mitder goht: “Lueg, dört isch d’Erde gsi, und selle Berg het Belche gheiße! Nit gar wit dervo isch Wislet gsi; dört hani au scho glebt, und Stiere gwettet, Holz go Basel gführt, und brochet, Matte graust, und Liechtspöh gmacht, und gvätterlet, bis an mi selig End, und möcht jez nümme hi.” - “Hüst Laubi, Merz!”
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Interpretation
Das Gedicht "Die Vergänglichkeit" von Johann Peter Hebel ist ein tiefgründiges Werk, das sich mit der Vergänglichkeit des Lebens und der Welt auseinandersetzt. Es ist ein Gespräch zwischen einem Vater und seinem Sohn, das auf dem Weg nach Basel stattfindet. Der Sohn, voller jugendlicher Unbekümmertheit, fragt den Vater, ob ihr Haus auch einmal so verfallen wird wie das Röttler Schloss. Der Vater antwortet mit einer Reihe von Beispielen, die die Vergänglichkeit aller Dinge verdeutlichen. Er spricht davon, wie alles im Alter verwelkt und zu Ende geht, wie selbst die größten Städte wie Basel eines Tages verfallen werden. Er malt ein Bild von einer Welt, die von der Zeit und den Elementen gezeichnet ist, in der Häuser verfallen, Gärten verwildern und schließlich alles in sich zusammenbricht. Der Vater geht sogar noch weiter und spricht von der Vergänglichkeit der gesamten Welt. Er beschreibt eine Zukunft, in der die Welt in Flammen aufgeht und alles, was war, zu Asche wird. Doch selbst in dieser düsteren Vision gibt es einen Hoffnungsschimmer. Der Vater spricht von den Sternen am Himmel, die wie Dörfer und Städte sind, und deutet an, dass es vielleicht ein Leben nach dem Tod gibt, in dem man seine Liebsten wiederfinden kann. Er ermutigt den Sohn, seinen Weg zu gehen und seinen Glauben zu bewahren, und verspricht ihm, dass er ihn in den Sternen wiedersehen wird, wenn es der Wille Gottes ist. Das Gedicht endet mit einer Rückkehr zur Gegenwart, als der Sohn den Vater bittet, nicht mehr über solche düsteren Dinge zu sprechen, und der Vater den Gesprächsstoff wechselt, indem er den Jungen auffordert, auf die Natur um sie herum zu achten. Es ist ein bewegendes und nachdenkliches Werk, das die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes thematisiert, aber auch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und die Beständigkeit der Natur in den Vordergrund stellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der Ätti verwendet Alliterationen wie 'jung und neu' und 'jung und wüst'.
- Anspielung
- Der Ätti bezieht sich auf den Basler Totentanz und den Franzoseneinfall von 1586.
- Bildsprache
- Der Ätti verwendet bildhafte Sprache, um die Zerstörung und Vergänglichkeit zu beschreiben, wie 'es brennt und brennt' und 'die Welt im Glast'.
- Hyperbel
- Der Ätti sagt, dass mit der Zeit die ganze Welt verbrennt.
- Ironie
- Der Ätti sagt ironisch, dass die Geiße auf seinem Grab weiden werden.
- Kontrast
- Der Ätti kontrastiert die Jugend des Buben mit seinem eigenen Alter und der Vergänglichkeit des Lebens.
- Metapher
- Der Ätti vergleicht das Leben mit einem Wandersmann, der durch die Zeit geht.
- Personifikation
- Der Ätti personifiziert die Zeit als einen Wächter, der in der Mitternacht aufwacht.
- Symbolik
- Der Ätti verwendet das Bild des brennenden Hauses als Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens.
- Vergleich
- Der Ätti vergleicht die Sterne mit Dörfern und eine Stadt mit den Sternen.
- Wiederholung
- Der Ätti wiederholt den Satz 'Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt!' mehrmals.