Die Verfluchten

Georg Trakl

1914

Es dämmert. Zum Brunnen gehn die alten Fraun. Im Dunkel der Kastanien lacht ein Rot. Aus einem Laden rinnt ein Duft von Brot Und Sonnenblumen sinken übern Zaun.

Am Fluß die Schenke tönt noch lau und leis. Guitarre summt; ein Klimperklang von Geld. Ein Heiligenschein auf jene Kleine fällt, Die vor der Glastür wartet sanft und weiß.

O! blauer Glanz, den sie in Scheiben weckt, Umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt. Ein krummer Schreiber lächelt wie verrückt Ins Wasser, das ein wilder Aufruhr schreckt.

Am Abend säumt die Pest ihr blau Gewand Und leise schließt die Tür ein finstrer Gast. Durchs Fenster sinkt des Ahorns schwarze Last; Ein Knabe legt die Stirn in ihre Hand.

Oft sinken ihre Lider bös und schwer. Des Kindes Hände rinnen durch ihr Haar Und seine Tränen stürzen heiß und klar In ihre Augenhöhlen schwarz und leer.

Ein Nest von scharlachfarbnen Schlangen bäumt Sich träg in ihrem aufgewühlten Schoß. Die Arme lassen ein Erstorbenes los, Das eines Teppichs Traurigkeit umsäumt.

Ins braune Gärtchen tönt ein Glockenspiel. Im Dunkel der Kastanien schwebt ein Blau, Der süße Mantel einer fremden Frau. Resedenduft; und glühendes Gefühl

Des Bösen. Die feuchte Stirn beugt kalt und bleich Sich über Unrat, drin die Ratte wühlt, Vom Scharlachglanz der Sterne lau umspült; Im Garten fallen Äpfel dumpf und weich.

Die Nacht ist schwarz. Gespenstisch bläht der Föhn Des wandelnden Knaben weißes Schlafgewand Und leise greift in seinen Mund die Hand Der Toten. Sonja lächelt sanft und schön.

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Illustration zu Die Verfluchten

Interpretation

Das Gedicht "Die Verfluchten" von Georg Trakl ist eine düstere und verstörende Darstellung einer verfallenden Welt. Die Atmosphäre ist von Anfang an von einem Gefühl der Verlassenheit und des Verfalls geprägt. Die alten Frauen, die zum Brunnen gehen, symbolisieren die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Die Farben Rot und Blau, die im Gedicht wiederkehren, stehen für das Blut und das Leid, das die Figuren durchdringt. Die zweite Strophe führt uns in eine Schenke am Fluss, wo eine junge Frau vor der Glastür wartet. Der "blaue Glanz", der in Scheiben geweckt wird, könnte auf das Glas eines Fensters oder einer Flasche hindeuten, das von Dornen umrahmt ist. Der "krumme Schreiber", der in das Wasser lächelt, könnte ein Symbol für den Wahnsinn oder die Verzweiflung sein, die die Figuren erfasst hat. Die dritte Strophe beschreibt die Pest, die ihr "blaues Gewand" säumt und einen "finstern Gast" in die Welt bringt. Der Ahornbaum, dessen "schwarze Last" durch das Fenster sinkt, könnte ein Symbol für den Tod oder das Böse sein. Der Junge, der seine Stirn in die Hand der Pest legt, zeigt die Hilflosigkeit und die Unterwerfung unter das Schicksal. Die vierte Strophe zeigt die Pest als eine Frau, deren Augen leer und deren Schoß von scharlachroten Schlangen erfüllt ist. Die Arme, die ein Erstorbenes loslassen, symbolisieren den Verlust und die Trauer. Der Glockenklang und der Duft von Reseden in der fünften Strophe könnten auf eine Beerdigung oder eine andere traurige Veranstaltung hindeuten. Die sechste Strophe beschreibt die Nacht als schwarz und den Föhn als gespenstisch. Der Junge, dessen weißes Schlafgewand sich bläht, könnte ein Symbol für die Unschuld sein, die vom Bösen verführt wird. Die Hand der Toten, die in seinen Mund greift, könnte auf den Einfluss des Todes oder des Bösen hindeuten. Sonja, die am Ende des Gedichts lächelt, könnte eine Erlöserin oder eine Verkörperung des Todes sein.

Schlüsselwörter

schwarz dunkel kastanien sinken tönt lau sanft lächelt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sonnenblumen sinken übern Zaun
Bildsprache
Ein Heiligenschein auf jene Kleine fällt
Hyperbel
Ein krummer Schreiber lächelt wie verrückt
Kontrast
Des Kindes Hände rinnen durch ihr Haar und seine Tränen stürzen heiß und klar in ihre Augenhöhlen schwarz und leer
Metapher
Im Dunkel der Kastanien lacht ein Rot.
Onomatopoesie
Guitarre summt; ein Klimperklang von Geld
Personifikation
Die Pest säumt ihr blau Gewand
Symbolik
Ein Nest von scharlachfarbnen Schlangen bäumt sich träg in ihrem aufgewühlten Schoß
Synästhesie
Ein Duft von Brot
Vergleich
Ein krummer Schreiber lächelt wie verrückt