Die Ulme zu Hirsau
1862Zu Hirsau in den Trümmern, Da wiegt ein Ulmenbaum Frischgrünend seine Krone Hoch überm Giebelsaum.
Er wurzelt tief im Grunde Vom alten Klosterbau, Er wölbt sich statt des Daches Hinaus in Himmelsblau.
Weil des Gemäuers Enge Ihm Luft und Sonne nahm, So trieb′s ihn hoch und höher, Bis er zum Lichte kam.
Es ragen die vier Wände, Als ob sie nur bestimmt, Den kühnen Wuchs zu schirmen, Der zu den Wolken klimmt.
Wenn dort im grünen Tale Ich einsam mich erging, Die Ulme war′s, die hehre, Woran mein Sinnen hing.
Wenn in dem dumpfen, stummen Getrümmer ich gelauscht, Da hat ihr reger Wipfel Im Windesflug gerauscht.
Ich sah ihn oft erglühen Im ersten Morgenstrahl; Ich sah ihn noch erleuchtet, Wann schattig rings das Tal.
Zu Wittenberg im Kloster Wuchs auch ein solcher Strauß Und brach mit Riesenästen Zum Klausendach hinaus.
O Strahl des Lichts! du dringest Hinab in jede Gruft. O Geist der Welt! du ringest Hinauf in Licht und Luft.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ulme zu Hirsau" von Ludwig Uhland erzählt von einer mächtigen Ulme, die in den Trümmern des alten Klosters Hirsau wächst. Die Ulme wird als Symbol für Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit dargestellt, da sie sich trotz der Enge der Ruinen zu einer imposanten Höhe entwickelt hat. Sie strebt nach Licht und Freiheit, was ihre Wurzeln tief in den Grund des Klosters treiben und ihre Krone hoch über die Giebel wölben lässt. Die Ulme wird als ein lebendiges Wesen beschrieben, das den Sprecher in seiner Einsamkeit begleitet und ihm durch ihr Rauschen im Wind Trost spendet. Die Ulme wird nicht nur als physische Präsenz, sondern auch als geistige Inspiration dargestellt. Der Sprecher verbindet die Ulme mit seinen Gedanken und Erinnerungen, besonders wenn er in der Stille der Ruinen verweilt. Die Ulme ist ein ständiger Begleiter, der den Sprecher durch den Tag begleitet, vom ersten Morgenlicht bis zum Abend, wenn das Tal im Schatten liegt. Die Erwähnung einer ähnlichen Ulme in Wittenberg unterstreicht die universelle Natur dieses Symbols für Wachstum und geistige Erhebung. Im letzten Vers des Gedichts wird die Ulme zu einem Symbol für den menschlichen Geist und die unermüdliche Suche nach Erkenntnis und Freiheit. Der "Strahl des Lichts" und der "Geist der Welt" werden als Kräfte dargestellt, die sowohl in die Tiefe der Gruft als auch in die Höhe des Himmels dringen. Die Ulme verkörpert somit die Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Geistigen, zwischen dem Dunkel der Vergangenheit und dem Licht der Zukunft. Sie ist ein Sinnbild für die menschliche Sehnsucht nach Erleuchtung und die unaufhaltsame Kraft des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da hat ihr reger Wipfel / Im Windesflug gerauscht
- Bildsprache
- Die Ulme war's, die hehre, / Wanen mein Sinnen hing
- Kontrast
- Wenn in dem dumpfen, stummen / Getrümmer ich gelauscht
- Metapher
- Er wurzelt tief im Grunde / Vom alten Klosterbau
- Personifikation
- Er wölbt sich statt des Daches / Hinaus in Himmelsblau.
- Symbolik
- O Strahl des Lichts! du dringest / Hinab in jede Gruft. / O Geist der Welt! du ringest / Hinauf in Licht und Luft.