Die Ueberraschte

Joseph Christian von Zedlitz

1837

Amor schlich in stiller Nacht In mein Haus verwogen, Wie ich morgens aufgewacht, War er eingezogen;

Als ich zürnte, bat er sehr, Möcht’ ihn nicht verjagen, Sprach, er käm’ von weitem her, Würden uns vertragen;

Hätt’ ihm nur ganz kurze Zeit Herberg geben sollen, Sey zu Gegendienst bereit, Hat Zins zahlen wollen!

Und nun ist er noch im Haus, Will noch länger bleiben, Sagt, er gehe nicht hinaus, Könn’ ihn nicht vertreiben.

Spricht, es sey nur Scherz von mir, Und fängt an zu lachen; Ihm gefalle das Quartier – Was kann ich da machen?

Und zuletzt fing mit Gewalt Er mich an zu küssen; Ob ich schrie, ob ich ihn schalt – Hab’ es leiden müssen! –

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Illustration zu Die Ueberraschte

Interpretation

Das Gedicht "Die Ueberraschte" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einem unerwarteten Besuch des Gottes Amor, der sich in der Nacht in das Haus des lyrischen Ichs schleicht. Das Gedicht schildert die Entwicklung dieser Begegnung und deren Auswirkungen auf das Ich. In den ersten Strophen beschreibt das Ich, wie es morgens erwacht und Amor bereits in seinem Haus angetroffen hat. Obwohl es zunächst zürnt, bittet Amor so sehr, dass das Ich ihm erlaubt zu bleiben. Amor verspricht, nur kurz zu bleiben und bietet sogar "Zins" als Gegenleistung an. Doch Amor bleibt länger als erwartet im Haus und weigert sich, es zu verlassen. Er lacht über die Vorwürfe des Ichs und behauptet, es sei nur ein Scherz gewesen. Schließlich zwingt er das Ich gewaltsam zu einem Kuss, den es nicht verhindern kann. Das Gedicht endet mit der Vergewaltigung des lyrischen Ichs durch Amor. Es zeigt, wie aus einer anfänglichen Überraschung und Unruhe eine erzwungene Begegnung wird, aus der das Ich sich nicht befreien kann. Das Gedicht thematisiert auf eindringliche Weise die Ohnmacht und den Verlust der Selbstbestimmung in einer solchen Situation.

Schlüsselwörter

haus sey amor schlich stiller nacht verwogen morgens

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Stilmittel

Alliteration
Sprach, er käm' von weitem her, würden uns vertragen
Hyperbel
Hätt' ihm nur ganz kurze Zeit Herberg geben sollen
Ironie
Und zuletzt fing mit Gewalt Er mich an zu küssen
Metapher
Als ich zürnte, bat er sehr, möcht' ihn nicht verjagen
Personifikation
Amor schlich in stiller Nacht in mein Haus verwogen
Wiederholung
Ob ich schrie, ob ich ihn schalt – Hab' es leiden müssen