Die Türkin

Louise Franziska Aston

1871

Leise Abendwinde necken Buhlerisch den Myrthenhain, Bergen sich in Lorbeerhecken, Wiegen dort die Blüthen ein; Flattern weiter dann zum Meere, Das in einer wilden Nacht Gott als eine Liebeszähre Einst der Erde gleichgemacht.

Mild umgaukeln bunte Lichter Schon des Abends goldnes Thor; Schweigend aus dem Dorf der Richter Tritt ein stolzes Weib hervor: Und auf öder Felsenklippe, Welche nach den Wogen faßt, Hält sie - Seufzer auf der Lippe Eine kurze Sclavenrast.

“Lass′ die Liebe schnell erblassen, Die Du, Frankensohn genährt! Morgen muß ich Dich verlassen, Weil der Sultan mein begehrt.” Also tönen Ihre Worte Wund hervor aus wunder Brust; Denn der Herr der hohen Pforte Kennt nur schnöde Sinnenlust. -

Sieh! da bricht durch Wolkenschleier Hell des Mondes Silberlicht, Und Stambul in stummer Feier Zeigt sich ihrem Angesicht. Weh! im Vordergrunde schimmert Das Serail, von Park umringt - Hörst Du, wie das Meer jetzt wimmert, Das ein edles Weib verschlingt? -

Willst Du ihren Tod beklagen, Mußt Du trauern allerwärts; Denn wo immer Herzen schlagen, Foltert sie derselbe Schmerz, Ist das Heiligste geächtet, Wird der Satzung nur gefröhnt; Jeder Pulsschlag ist geknechtet, Jedes freie Weib gehöhnt!

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Illustration zu Die Türkin

Interpretation

Das Gedicht "Die Türkin" von Louise Franziska Aston erzählt die tragische Geschichte einer türkischen Frau, die zwischen zwei Männern und Kulturen gefangen ist. Die Abendstimmung wird mit sanften Winden und blühenden Pflanzen beschrieben, die eine romantische Atmosphäre schaffen. Doch diese Idylle wird durch die traurige Realität der Protagonistin durchbrochen, die aus ihrem Dorf kommt und auf einer Felsenklippe eine kurze Rast einlegt. Die Türkin offenbart ihrem Liebhaber, einem Franken, dass sie ihn verlassen muss, da der Sultan sie begehrt. Ihre Worte klingen voller Schmerz und Verzweiflung, da der Herr der Pforte nur seine sinnlichen Gelüste kennt. Die Szene wechselt zur nächtlichen Aussicht auf Stambul, wo das Serail im Mondlicht glänzt. Die Türkin, ein edles Weib, wählt den Freitod im Meer, um der Zwangsheirat zu entgehen. Aston schließt mit einem Appell an den Leser, den Tod der Türkin zu beklagen und den Schmerz aller Frauen zu spüren, die unter ähnlichen Umständen leiden. Sie kritisiert die Unterdrückung der Frau und die Missachtung heiliger Gefühle zugunsten von Tradition und Sitte. Jeder Herzschlag ist geknechtet, jedes freie Weib wird verhöhnt - ein Appell für die Freiheit und Gleichberechtigung der Frau.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Willst Du ihren Tod beklagen
Anspielung
Morgen muß ich Dich verlassen, Weil der Sultan mein begehrt
Bildsprache
Mild umgaukeln bunte Lichter Schon des Abends goldnes Thor
Hyperbel
Jeder Pulsschlag ist geknechtet, Jedes freie Weib gehöhnt
Ironie
Kennt nur schnöde Sinnenlust
Kontrast
Lass′ die Liebe schnell erblassen, Die Du, Frankensohn genährt!
Metapher
Foltert sie derselbe Schmerz
Personifikation
Hörst Du, wie das Meer jetzt wimmert
Symbolik
Ist das Heiligste geächtet