Die traurige Krönung
1828Es war ein König Milesint, Von dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Auf Liffey-Schloß begangen. O Irland, Irland! warest du so blind?
Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken von dem Mahle. Er spricht zu seinem Sohne: “Noch einmal bring′ die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?”
Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen tritten, Vermummte Gäste groß und viel, Eine Krone schwankt inmitten; Es drängt sich durch die Pforte Mit Flüstern ohne Worte: Dem Könige, dem wird so geisterschwül.
Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt, Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Es reichet eine Krone Dem Könige, das Herze tief erschrickt.
Darauf der Zug von dannen strich, Von Morgenluft berauschet. Die Kerzen flackern wunderlich, Der Mond am Fenster lauschet. Der Sohn mit Angst und Scheigen Zum Vater tät sich neigen - Er neiget über eine Leiche sich.
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Interpretation
Das Gedicht "Die traurige Krönung" von Eduard Mörike erzählt die Geschichte eines Königs namens Milesint, der seinen Bruderskind ermordet hat, um selbst die Krone zu tragen. Die Krönung findet im Liffey-Schloss statt, und Irland wird als blind dargestellt, da es diese Tat nicht bemerkt oder ignoriert hat. Mitten in der Nacht sitzt der König in einem leeren Marmorsaal und ist von der neuen Pracht überwältigt, fast wie betrunken von dem Mahl. Er fordert seinen Sohn auf, ihm die Krone noch einmal zu bringen und fragt sich, wer die Pforten geöffnet hat. Ein seltsames Totenspiel betritt den Saal, mit verhüllten Gästen und einer schwankenden Krone in ihrer Mitte. Die Menge drängt sich durch die Pforte, flüstert ohne Worte, und der König fühlt sich von Geistern umgeben. Aus der schwarzen Menge blickt ein Kind mit einer frischen Wunde, lächelt und nickt, und macht eine Runde durch den Saal. Es tippelt zum Thron und reicht dem König eine Krone, was sein Herz tief erschreckt. Danach zieht der Zug davon, von der Morgenluft berauscht. Die Kerzen flackern seltsam, und der Mond am Fenster lauscht. Der Sohn beugt sich ängstlich und schweigend zum Vater hinunter - er beugt sich über eine Leiche.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der Einsatz von 'schwarzen Menge' und 'sterbensweh' betont die Klangqualität und den Rhythmus des Gedichts.
- Anspielung
- Das Gedicht könnte eine Anspielung auf historische Ereignisse oder Mythen sein, die mit Verrat und Königsherrschaft zu tun haben.
- Bildsprache
- Die Beschreibung des 'seltsamen Totenspiels' und des 'Zuges mit leisen tritten' schafft eine unheimliche Atmosphäre.
- Hyperbel
- Die Frage 'O Irland, Irland! warest du so blind?' übertreibt die Naivität oder das Versagen des Volkes.
- Ironie
- Die 'traurige Krönung' ist ironisch, da die Krönung eigentlich ein freudiges Ereignis sein sollte.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der 'frischen Wunde' des Kindes und seinem 'lächelnden' Gesicht verstärkt die Tragik.
- Metapher
- Der König Milesint wird als 'Milesint' bezeichnet, was auf eine mythische oder symbolische Figur hindeutet.
- Personifikation
- Die Kerzen 'flackern wunderlich' und der Mond 'lauschet' am Fenster, was ihnen menschliche Eigenschaften verleiht.
- Symbolik
- Die 'neue Pracht' und die 'Marmorhalle' symbolisieren den Reichtum und die Pracht des Königreichs.
- Wiederholung
- Die Wiederholung von 'Krone' und 'König' unterstreicht die zentralen Themen des Gedichts.