Die toten Freunde

Hanns von Gumppenberg

1866

Heut′ Nacht, als ich die Straßen durchstrich, Meine toten Freunde erwarteten mich,

Der eine da, der andre dort, Ein jeder an seinem besondern Ort

Als Kamerad für den einsamen Gang: Es war, als warteten sie schon lang′

Und freuten sich über den guten Witz .. Als ersten traf ich den wilden Fritz.

Der stand im Häuserschatten gebückt, Den Schlapphut tief in die Stirn′ gedrückt,

Und brummte: “Nun schmeckt uns ein Schoppen Wein!” Die Schenke war nah - wir traten ein.

Er stürzte hinunter sein Glas mit Hast Und schaute mich an mitleidig fast,

Derweil er halb gut und halb spöttisch sprach: “Hängst du noch immer dem Unsinn nach?

Hast du noch immer nicht erfaßt, Was den Rummel zur Lust macht, und was zur Last?

Ich hab′s begriffen - hab′ nicht geträumt, Hab′ schnell gelebt, aber nichts versäumt!

Noch gab es keinen, der mehr besaß Als Weib und Wein und Macht und Spaß!

Mit anderm verplempert man nur seine Zeit - Und, glaube mir: leer ist die Ewigkeit!

Ich nahm mir die vier, so gut und so lang′ Ich konnte: so richtig im Überschwang!

Und jetzt, verstehst du, Brüderlein mein, Ist mein einziger Trost so ein Tropfen Wein,

Im Mondlichtdämmer erhascht mit Hast - Den ertrotz′ ich mir noch als begrabener Gast!”

Und gierig trank er mir zu - und zerfloß In Rauch und Luft, mein alter Genoß.

Auf sprang ich, und zahlte.. die Kellnerin Schob lachend die Hälfte mir wieder hin.

Und weiter schritt ich. Am nächsten Haus, Da lauerte der systematische Kaus,

Griff gleich meinen Arm, und zog mich dahin: “Du weißt gar nicht, Lieber, wie glücklich ich bin!

So sicher ich stets meiner Sache war, Mich quälten doch Zweifel noch Jahr für Jahr,

Ob all mein Denken und all mein Sehn Vor dem großen Sprung auch würde bestehn?

Nun aber weiß ich: die Sache ist echt, Sie blieb, wie sie war - und ich habe recht!

Ich löst′ es, das große Rätsel der Welt - Ganz wie ich sie dachte, so ist sie bestellt!

Von allen warst der Liebste mir du, Aufmerksam hörtest du immer mir zu -

Und darum will ich, dich ganz zu belehren, Dir alles noch einmal gründlich erklären!

Du weißt ja, ich sagte -” der Schatten schwand Wie trüber Dunst an der Häuserwand.

Und weiter ging ich im Mondenglanz; Als dritten traf ich den feurigen Franz.

Der sprach: “Du bist jetzt öfter allein - So dacht′ ich, wir könnten zusammen sein.

Wir waren verschieden - wir sind es noch: Aber Freunde, das wurden und blieben wir doch!

Ich folgte der Glut, dem flammenden Trieb - Dir war nur das stillere Schauen lieb:

Doch was man daneben sich bieten kann, Das gaben wir uns, der Mann dem Mann!”

- Nun weißt du wohl mehr? so fragt′ ich in Eil′. Er lachte, und sagte: “Im Gegenteil!

Ich weiß nur, daß falsch war ein jeder Schluß, Daß jeder von vorne beginnen muß,

Und zwar mit seinem ganzen Ich - Ich kann dir nur sagen: ich plage mich!

Und so ist es recht! Denn wir würden sonst träg - Und fern ist das Ziel, und verworren der Weg.

Viel ferner, verwirrter nur seh′ ich die zwei, Seitdem ich von menschlichem Dünkel frei,

Seitdem ich gelernt: all′ was wir geschaut, All′ was wir so fein uns zum Ganzen gebaut,

War höchstens ein Ahnen, vermengt mit Wahn, Ein erstes Tasten auf sternweiter Bahn!

Doch daß ich nun heute hier gehe mit dir, Das frommt doch uns beiden, glaube mir:

Weiß keiner vom andern, was not ihm tut, Weiß jeder doch, daß er dem andern gut!”

So sagte der Franz, und er sagte noch mehr; Aufhorchend ging ich neben ihm her,

Und ging mit ihm wohl an die zwei Stunden .. Hätt′ fast mich nimmer zurückgefunden.

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Illustration zu Die toten Freunde

Interpretation

Das Gedicht "Die toten Freunde" von Hanns von Gumppenberg erzählt von einer nächtlichen Begegnung des lyrischen Ichs mit drei verstorbenen Freunden. Jeder der Freunde repräsentiert eine unterschiedliche Lebensphilosophie und Haltung zum Dasein. Der erste, der wilde Fritz, verkörpert ein hedonistisches Lebenskonzept, das auf Genuss und materiellen Vergnügungen basiert. Er reflektiert über sein Leben, das er in vollen Zügen genossen hat, und findet Trost in der flüchtigen Freude eines Tropfens Wein im Jenseits. Der zweite Freund, der systematische Kaus, steht für den rationalen und wissenschaftlichen Geist. Er ist überzeugt von der Richtigkeit seiner Welterklärung und möchte dem lyrischen Ich seine Erkenntnisse mitteilen, bevor er in Rauch auflöst. Der dritte, der feurige Franz, symbolisiert die leidenschaftliche und emotionale Seite des Lebens. Er spricht über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit dem lyrischen Ich und betont die Bedeutung des ständigen Lernens und der Suche nach Wahrheit. Die Begegnungen mit den drei Freunden dienen als Spiegel für die verschiedenen Facetten des Lebens und des Todes. Fritz' hedonistische Sichtweise kontrastiert mit Kaus' rationaler Gewissheit und Franz' leidenschaftlicher Suche nach Erkenntnis. Das Gedicht reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die verschiedenen Wege, wie Menschen mit ihrer Existenz und dem bevorstehenden Tod umgehen. Es zeigt, dass trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe eine tiefe Verbundenheit und Freundschaft bestehen kann, die über den Tod hinauswirkt. Die Struktur des Gedichts, mit seinen drei Begegnungen, ermöglicht einen facettenreichen Einblick in die menschliche Existenz. Die Freunde treten aus dem Schatten der Nacht, um ihre Lebensweisheiten zu teilen, und verschwinden wieder, was die flüchtige Natur des Lebens und der Erkenntnis unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer gewissen Ambivalenz, da das lyrische Ich fast nicht mehr in die Welt der Lebenden zurückfindet, was die tiefe Wirkung der Begegnungen und die Anziehungskraft der Welt der Toten andeutet.

Schlüsselwörter

jeder all weiß sagte wein hast gut hab

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Den Schlapphut tief in die Stirn′ gedrückt
Metapher
Aufhorchend ging ich neben ihm her
Personifikation
Meine toten Freunde erwarteten mich
Symbolik
Sternweite Bahn als Symbol für die Unendlichkeit