Die tote Lerche
unknownIch stand an deines Landes Grenzen, an deinem grünen Saatenwald, und auf des ersten Strahles Glänzen ist dein Gesang herabgewallt. Der Sonne schwirrtest du entgegen, wie eine Mücke nach dem Licht, dein Lied war wie ein Blütenregen, dein Flügelschlag wie ein Gedicht.
Da war es mir, als müsse ringen ich selber nach dem jungen Tag, als horch ich meinem eignen Singen und meinem eignen Flügelschlag; die Sonne sprühte glühe Funken, in Flammen brannte mein Gesicht, ich selber taumelte wie trunken, wie eine Mücke nach dem Licht.
Da plötzlich sank und sank es nieder, gleich toter Kohle in die Saat, noch zucken sah ich kleine Glieder und bin erschrocken dann genaht; dein letztes Lied, es war verklungen, du lagst, ein armer kalter Rest, am Strahl verflattert und versungen bei deinem halbgebauten Nest.
Ich möchte Tränen um dich weinen, wie sie das Weh vom Herzen drängt, denn auch mein Leben wird verscheinen, ich fühl′s, versungen und versengt; dann du, mein Leib, ihr armen Reste! dann nur ein Grab auf grüner Flur, und nah nur, nah bei meinem Neste, in meiner stillen Heimat nur!
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Interpretation
Das Gedicht "Die tote Lerche" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von der Begegnung des lyrischen Ichs mit einer toten Lerche an der Grenze eines grünen Feldes. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der Lerche, die dem lyrischen Ich entgegengeflogen kommt, und vergleicht ihren Gesang mit einem Blütenregen und ihren Flügelschlag mit einem Gedicht. Das lyrische Ich fühlt sich von der Lerche inspiriert und möchte selbst nach dem Licht der Sonne streben. In der zweiten Strophe geht es um die intensive Begegnung des lyrischen Ichs mit der Lerche. Die Sonne sprüht glühende Funken, und das Gesicht des lyrischen Ichs brennt in Flammen. Es taumelt wie trunken und fühlt sich von der Lerche angezogen, wie eine Mücke vom Licht. Die Begegnung mit der Lerche wird als eine Art spirituelle Erfahrung dargestellt, bei der das lyrische Ich sich selbst findet und seine eigene Kreativität entdeckt. In der dritten Strophe nimmt das Gedicht eine tragische Wendung. Die Lerche sinkt plötzlich zu Boden und stirbt. Das lyrische Ich nähert sich ihr und sieht ihre zuckenden Glieder. Das letzte Lied der Lerche ist verstummt, und sie liegt als kalter Rest am Boden, verbrannt von den Strahlen der Sonne, in der Nähe ihres halbgebauten Nestes. Das lyrische Ich empfindet Trauer um die tote Lerche und fühlt eine tiefe Verbundenheit mit ihr. Im letzten Vers des Gedichts reflektiert das lyrische Ich über die Vergänglichkeit des Lebens. Es spürt, dass auch sein eigenes Leben verscheinen wird, versungen und versengt. Es wünscht sich ein einfaches Grab auf grüner Flur, in der Nähe seines eigenen Nestes, in seiner stillen Heimat. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Sehnsucht nach einem friedlichen und natürlichen Ort des Abschieds.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- am Strahl verflattert und versungen
- Personifikation
- dein letztes Lied, es war verklungen
- Vergleich
- gleich toter Kohle in die Saat