Die Töne

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Freundinnen der flüchtigen Horen seid ihr Töne doch vor allen, geheim im Bunde Steht ihr, und das Schönste, die Seele nach dem Traurigen Tode

Lassen jene Genien zurück in eurer Sanften unvergänglichen Macht und Schöne, Ja ihr weckt sie immer zu neuem Leben Selbst aus dem Grab′ auf.

Meine Kindheit schließt mir im Flötenklange Ihre Rosenwelt und den tiefen Kelch auf, Dessen Duft einst, wie der Gedank′ im Herzen, Lange geschlummert.

Wie vermöcht′ ich jenen Gesang, die Stimme Ihrer heißen Sehnsucht, der ersten Liebe Klagelaut, und all′ das unsäglich Zarte Noch zu ertragen,

Wenn′s einmal in rauschenden Melodien Freudejauchzend, ach aus so ganz verlornen Blumentagen, jubelnd zurück ins Herz kehrt, Wo es gestorben.

Das, o Töne, wie ich auch oft es fühle, Das ertrüg′ ich nicht. Denn der Freud′ und Jugend Schwand mir so viel, daß die Erinn′rung nicht, nur Lethe mich tröstet.

Eines aber lieb′ ich, wenn meiner Leiden Und Verluste schmerzlicher Seufzerlaut und All′ mein Weh, gleich Aeolus Lüften, leise Mir in des Herzens

Düstre tiefzerfallne Ruine spielet: Denn mir ist, als kämen die Geister meiner Lieben schon von Jenseits zurück in solchen Sel′gen Accorden.

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Illustration zu Die Töne

Interpretation

Das Gedicht "Die Töne" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert die tiefe emotionale Kraft der Klänge und ihre Verbindung zu Erinnerung, Verlust und der Sehnsucht nach vergangener Zeit. Töne werden als geheimnisvolle und unvergängliche Freunde dargestellt, die die Fähigkeit besitzen, vergessene oder schmerzhafte Erinnerungen wieder zum Leben zu erwecken. Sie sind eng mit der Seele verbunden und können selbst aus dem Tod oder der Vergessenheit auferstehen lassen. Der Dichter erinnert sich an seine Kindheit, die durch den Klang einer Flöte wieder lebendig wird. Diese Klänge öffnen ihm eine "Rosenwelt" und einen tiefen Kelch, der lange geschlummert hat, wie ein Gedanke im Herzen. Die Töne wecken somit nicht nur Freude, sondern auch die bittersüße Erinnerung an die erste Liebe und die damit verbundene Sehnsucht. Diese Erinnerungen sind so intensiv, dass der Dichter sich fragt, ob er sie ertragen könnte, wenn sie in jubelnden Melodien zurückkehren würden. Trotz der schmerzhaften Erinnerungen gibt es einen Trost: Die Töne können auch als sanfte Klage erscheinen, wie ein Seufzer, der in den Tiefen des Herzens widerhallt. In diesen melancholischen Klängen fühlt der Dichter die Anwesenheit geliebter Menschen, die aus dem Jenseits zurückkehren. So werden die Töne zu einer Brücke zwischen Leben und Tod, zwischen Freude und Trauer, und bieten dem Dichter einen tiefen, wenn auch schmerzhaften Trost.

Schlüsselwörter

zurück töne all freundinnen flüchtigen horen seid allen

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Stilmittel

Hyperbel
Lassen jene Genien zurück in eurer Sanften unvergänglichen Macht und Schöne
Metapher
Denn mir ist, als kämen die Geister meiner Lieben schon von Jenseits zurück in solchen Sel′gen Accorden
Personifikation
Steht ihr, und das Schönste, die Seele nach dem Traurigen Tode