Die Taxuswand

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Ich stehe gern vor dir, Du Fläche schwarz und rauh, Du schartiges Visier Vor meines Liebsten Brau, Gern mag ich vor dir stehen, Wie vor grundiertem Tuch, Und drüber gleiten sehen Den bleichen Krönungszug;

Als mein die Krone hier, Von Händen die nun kalt; Als man gesungen mir In Weisen die nun alt; Vorhang am Heiligtume, Mein Paradiesestor, Dahinter alles Blume, Und alles Dorn davor.

Denn jenseits weiß ich sie, Die grüne Gartenbank, Wo ich das Leben früh Mit glühen Lippen trank. Als mich mein Haar umwallte Noch golden wie ein Strahl, Als noch mein Ruf erschallte, Ein Hornstoß, durch das Tal.

Das zarte Efeureis, So Liebe pflegte dort, Sechs Schritte, - und ich weiß, Ich weiß dann, daß es fort. So will ich immer schleichen Nur an dein dunkles Tuch, Und achtzehn Jahre streichen Aus meinem Lebensbuch

Du starrtest damals schon So düster treu wie heut, Du, unsrer Liebe Thron Und Wächter manche Zeit; Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer, Dir aus den Nadeln raucht, - Ach, wacher war ich nimmer, Als rings von dir umhaucht!

Nun aber bin ich matt, Und möcht′ an deinem Saum Vergleiten, wie ein Blatt Geweht vom nächsten Baum; Du lockst mich wie ein Hafen, Wo alle Stürme stumm, O, schlafen möcht′ ich, schlafen, Bis meine Zeit herum!

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Illustration zu Die Taxuswand

Interpretation

Das Gedicht "Die Taxuswand" von Annette von Droste-Hülshoff ist eine tiefgründige Betrachtung über Liebe, Erinnerung und die Vergänglichkeit des Lebens. Die Taxuswand, ein immergrüner Strauch, dient als symbolische Kulisse für die Reflexionen der lyrischen Ich-Erzählerin. In den ersten Strophen wird die Taxuswand als dunkle, raue Fläche beschrieben, vor der die Erzählerin gerne steht. Sie vergleicht sie mit einem grundierten Tuch, auf dem ein "bleicher Krönungszug" zu sehen ist. Dies könnte eine Anspielung auf vergangene Feste oder Zeremonien sein, die nun der Vergangenheit angehören. Die Erzählerin verbindet die Taxuswand mit ihrem "Paradiesestor", einem Ort voller Blumen und Dornen, was auf die Schönheit und Schmerzhaftigkeit vergangener Erlebnisse hindeutet. Die mittleren Strophen führen den Leser in die Vergangenheit, zu einer "grünen Gartenbank", wo die Erzählerin in jungen Jahren mit Leidenschaft das Leben genossen hat. Die Erinnerungen sind lebhaft und sinnlich, doch sie sind auch von der Gewissheit getrübt, dass diese Zeit unwiederbringlich vorbei ist. Die "sechs Schritte" symbolisieren die Nähe zum Verlust dieser schönen Momente. Im letzten Teil des Gedichts wird die Taxuswand als treuer Begleiter über die Jahre hinweg beschrieben. Sie hat die Liebe der Erzählerin bezeugt und ist ein stiller Zeuge ihrer Erinnerungen. Die Erzählerin fühlt sich müde und sehnt sich danach, sich an der Taxuswand auszuruhen, wie ein Blatt, das sich am Saum eines Baumes niederlässt. Die Taxuswand wird zum Symbol für einen Hafen, an dem man Zuflucht vor den Stürmen des Lebens sucht, und die Erzählerin wünscht sich, bis zum Ende ihrer Tage in ihrer Nähe zu verweilen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Bis meine Zeit herum
Vergleich
Noch golden wie ein Strahl