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Die stumme Schöne

Von

Als ich die junge Clitia
Schön, wie ein Tag im Frühling, sah,
Rief ich: welch reizendes Gesicht!
O Schade! daß sie doch nicht spricht!

Sie sprach, und nun war ich ganz Ohr,
Kaum stammelt sie zwey Worte vor;
So rief ich: welch ein schön Gesicht!
Nur ewig Schade! daß sie spricht.

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Gedicht: Die stumme Schöne von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die stumme Schöne“ von Christian Felix Weiße ist eine humorvolle Beobachtung über die Erwartungen und die Realität der menschlichen Wahrnehmung und das Urteilsvermögen des lyrischen Ichs. Es ist eine kurze, pointierte Reflexion über Schönheit, Sprache und die oft widersprüchlichen Wünsche des Herzens. Die humorvolle Wendung am Ende macht das Gedicht zu einem unterhaltsamen Spiel mit Erwartung und Enttäuschung.

Im ersten Versabschnitt wird Clitia als „jung“ und „schön, wie ein Tag im Frühling“ beschrieben. Das lyrische Ich ist von ihrer Schönheit überwältigt und drückt Bedauern aus, dass sie nicht spricht. Hier wird die traditionelle Vorstellung von Schönheit und Perfektion etabliert, die oft mit Stummheit und einer idealisierten, unberührten Anmut verbunden ist. Das lyrische Ich projiziert seine eigenen Wünsche und Vorstellungen in Clitia hinein, ohne sie wirklich zu kennen.

Der zweite Versabschnitt ändert die Perspektive dramatisch. Als Clitia tatsächlich spricht, offenbart sich ihre Unfähigkeit zur eloquenten Kommunikation. Das lyrische Ich, nun von ihrer Sprache enttäuscht, wiederholt seine Aussage, aber mit umgekehrter Bedeutung: „Nur ewig Schade! daß sie spricht.“ Diese Zeile enthüllt die Oberflächlichkeit und die sich ändernden Ansprüche des lyrischen Ichs. Das Gedicht thematisiert die Schwierigkeit, wahre Schönheit und Erfüllung in äußeren Merkmalen zu finden und zeigt, wie leicht sich unsere Urteile und Wünsche ändern können, wenn die Realität unseren Erwartungen nicht entspricht.

Die Pointe des Gedichts liegt in dieser überraschenden Wendung, die die anfängliche Idealisierung der Stummheit ironisch konterkariert. Weisse spielt mit der menschlichen Neigung, idealisierte Bilder von anderen zu entwerfen und dann von den tatsächlichen Gegebenheiten enttäuscht zu werden. Die Einfachheit des Versaufbaus, die klaren Reime und die Wiederholung des „Schade!“ tragen zur komischen Wirkung des Gedichts bei. Es ist ein leichtfüßiger Kommentar über die menschliche Natur, die Suche nach dem Schönen und die Tücken des Geschmacks.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.