Die stumme Schöne

Christian Felix Weiße

1758

Als ich die junge Clitia Schön, wie ein Tag im Frühling, sah, Rief ich: welch reizendes Gesicht! O Schade! daß sie doch nicht spricht!

Sie sprach, und nun war ich ganz Ohr, Kaum stammelt sie zwey Worte vor; So rief ich: welch ein schön Gesicht! Nur ewig Schade! daß sie spricht.

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Interpretation

Das Gedicht "Die stumme Schöne" von Christian Felix Weiße beschreibt die ambivalente Wahrnehmung des lyrischen Ichs gegenüber einer jungen Frau namens Clitia. Zunächst wird Clitia als stumme Schönheit bewundert, deren Anblick dem eines Frühlingstages gleicht. Der Sprecher bedauert, dass sie nicht sprechen kann, da er ihre äußere Erscheinung als äußerst reizvoll empfindet. In der zweiten Strophe ändert sich die Situation, als Clitia plötzlich zu sprechen beginnt. Das lyrische Ich lauscht aufmerksam, doch schon nach wenigen Worten äußert es erneut sein Bedauern. Diesmal jedoch nicht darüber, dass sie nicht spricht, sondern darüber, dass sie überhaupt spricht. Die Veränderung der Perspektive deutet darauf hin, dass die Stimme oder die Art zu sprechen der Clitia nicht den hohen Erwartungen des Sprechers entspricht. Das Gedicht spielt mit der Ironie der menschlichen Wahrnehmung und den oft unrealistischen Erwartungen, die an andere gestellt werden. Es zeigt, wie schnell sich die Bewunderung in Enttäuschung wandeln kann, wenn die Realität nicht den idealisierten Vorstellungen entspricht. Die ständige Wiederholung des Satzes "O Schade!" unterstreicht die Unzufriedenheit des Sprechers und seine Unfähigkeit, die Clitia so zu akzeptieren, wie sie ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Die Übertreibung in 'kaum stammelt sie zwey Worte vor' unterstreicht die Ungeduld oder das Unbehagen des Sprechers mit Clitias Sprechweise.
Ironie
Die Ironie liegt darin, dass der Sprecher zuerst den Wunsch äußert, dass Clitia sprechen möge, und dann bereut, dass sie spricht, als sie es tut.
Kontrast
Der Kontrast zwischen Clitias Schönheit und ihrer Fähigkeit zu sprechen wird hervorgehoben, indem der Sprecher ihre Schönheit lobt, aber ihre Sprache kritisiert.
Wiederholung
Die Wiederholung des Satzes 'welch ein schön Gesicht!' betont die anhaltende Bewunderung des Sprechers für Clitias Aussehen, unabhängig von ihrer Sprache.