Die Stirn
1913Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer, Aber durchbrechend sein Dach Sprosst mein Auge frei hinaus, indes die Hüften tiefer Stehen in Wiese und Luft, grünem und blauem Gemach!
Aber durchbrechend das Dach - in welchen Räumen Wächst mein Haupt? Unten in Meer Und Wald und irdischen Maschinen schäumen Die Dinge lärmend und schwer
Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wänden, Wie ein bescheidenes Spiel! Aber riesig über Himmelsschultern, Bergeslenden, Schwebt die Stirn, - Sonne auf schmächtigem Stiel,
Drache, unerschöpflich über seinen Hälsen, Mond über Ebbe und Flut, Hochgebirg über allen Felsen, Reicht die Stirn in jede Glut!
In das Schicksal reicht die Stirn - und kann nicht siegen, Aber singen! - bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz, Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen, Bis sie hoch in den Sternen - mit Menschen sich trifft im Tanz.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Stirn" von Alfred Wolfenstein thematisiert die Auseinandersetzung des lyrischen Ichs mit seiner eigenen Begrenztheit und seinem Streben nach Transzendenz. Die Stirn wird dabei als Symbol für den Geist und die geistige Kraft des Menschen dargestellt. Im ersten Teil des Gedichts wird die Enge und Begrenztheit des eigenen Körpers beschrieben. Das Ich fühlt sich eingeengt und sucht nach einem Ausweg. Doch dann bricht das Auge durch das Dach des Körpers und schaut hinaus in die Weite der Natur. Dies symbolisiert den Moment der Erkenntnis und des Erwachens. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Frage gestellt, in welchen Räumen das Haupt wächst. Die Antwort lautet: unten in Meer, Wald und irdischen Maschinen. Dies deutet darauf hin, dass das Wachstum des Geistes in der Auseinandersetzung mit der materiellen Welt stattfindet. Doch auch hier fühlt sich das Ich noch eingeengt und sucht nach einem Ausweg. Im dritten Teil des Gedichts schwebt die Stirn über Himmel, Berge und Meere. Sie wird zu einem Symbol für die unerschöpfliche Kraft des Geistes, der sich über alle Grenzen hinwegsetzt. Die Stirn reicht in jede Glut und wird zu einem Teil des Schicksals selbst. Am Ende des Gedichts findet das Ich im Tanz mit den Sternen seine Erfüllung und Transzendenz.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- hoch in den Sternen - mit Menschen sich trifft im Tanz
- Personifikation
- Himmel baut sich um die Brust