Die Stille

Rainer Maria Rilke

1902

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände - hörst du: es rauscht… Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht? Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider, und auch das ist Geräusch bis zu dir. Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder… …aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung bleibt in der seidenen Stille sichtbar; unvernichtbar drückt die geringste Erregung in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein. Auf meinen Atemzügen heben und senken die Sterne sich. Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke, und ich erkenne die Handgelenke entfernter Engel. Nur die ich denke: Dich seh ich nicht.

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Illustration zu Die Stille

Interpretation

Das Gedicht "Die Stille" von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit der Sehnsucht und der Isolation des lyrischen Ichs. Es beginnt mit einer direkten Ansprache an die Geliebte, wobei der Sprecher versucht, durch Gesten und Geräusche eine Verbindung herzustellen. Doch selbst die kleinsten Bewegungen und Handlungen werden von der Stille umgeben und beobachtet, was die Einsamkeit des Sprechers verstärkt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Stille als ein durchdringendes und allgegenwärtiges Element dargestellt. Jede Bewegung hinterlässt einen Abdruck in dieser Stille, und selbst die geringste Erregung prägt sich in die Ferne ein. Die Naturphänomene wie die Sterne und die Düfte werden als Teil dieser stillen Welt beschrieben, in der das lyrische Ich gefangen ist. Die Erwähnung der "entfernten Engel" fügt eine spirituelle Dimension hinzu, die die Isolation noch verstärkt. Der letzte Teil des Gedichts drückt die tiefe Sehnsucht des Sprechers nach der Geliebten aus. Obwohl er alles um sich herum wahrnimmt und erkennt, bleibt die Geliebte unsichtbar und abwesend. Die Wiederholung der Frage "Aber warum bist du nicht hier?" unterstreicht die Verzweiflung und das Unverständnis des lyrischen Ichs über die Abwesenheit der Geliebten. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der unerfüllten Sehnsucht und der unüberwindbaren Distanz zwischen den Liebenden.

Schlüsselwörter

hörst geliebte hebe hände rauscht gebärde einsamen fände

Wortwolke

Wortwolke zu Die Stille

Stilmittel

Anapher
Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände - hörst du: es rauscht... Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht? Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider, und auch das ist Geräusch bis zu dir. Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder... ...aber warum bist du nicht hier.
Enjambement
Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände - hörst du: es rauscht... Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht? Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider, und auch das ist Geräusch bis zu dir. Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder... ...aber warum bist du nicht hier.
Metapher
Ich erkenne die Handgelenke entfernter Engel
Personifikation
Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Rhetorische Frage
Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände - hörst du: es rauscht... Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht?