Die stille Gemeinde
1841Von Bretagnes Hügeln, die das Meer Blühend hell umsäumen, Schaute ein Kirchlein trostreich her Zwischen uralten Bäumen.
Das Kornfeld und die Wälder weit Rauschten im Sonntagsglanze, Doch keine Glocken klangen heut Vom grünen Felsenkranze.
Denn auf des Kirchhofs schattigem Grund Die Jakobiner saßen, Ihre Pferde alle Blumen bunt Von den Grabeshügeln fraßen.
Sie hatten am Kreuz auf stiller Höh Feldflasch und Säbel hangen, Derweil sie, statt des Kyrie, Die Marseillaise sangen.
Ihr Hauptmann aber lehnt′ am Baum, Todmüde von schweren Wunden, Und schaute wie im Fiebertraum Nach dem tiefschwülen Grunde.
Er sprach verwirrt: »Da drüben stand Des Vaters Schloß am Weiher, Ich selbst steckt′s an; das war ein Brand, Der Freiheit Freudenfeuer!
Ich seh ihn noch: Wie durch den Sturm Zwischen den feurgen Zungen Mein stolzer Vater da vom Turm Sein Banner hat geschwungen.
Und als es war entlaubt vom Brand, Die Fahn im Wind zerflogen: Den Schaft als Kreuz nun in der Hand Teilt′ er die Flammenwogen.
Er sah so wunderbar auf mich, Ich konnt ihn nicht ermorden - Da sank die Burg, er wandte sich Und ist ein Pfaff geworden.
Seitdem hör ich in Träumen schwer Von ferne Glocken gehen Und seh in rotem Feuermeer Ein Kreuz allnächtlich stehen.
Es sollen keine Glocken gehn, Die Nächte zu verstören, Kein Kreuz soll mehr auf Erden stehn, Um Narren zu betören!
Und dieses Kirchlein hier bewacht, Sie sollen nicht Messe singen, Wir reißen′s nieder über Nacht, Licht sei, wohin wir dringen!« -
Und als die Nacht schritt leis daher, Der Hauptmann stand am Strande, So still im Wald, so still das Meer, Nur die Wachen riefen im Lande.
Im Wind die Glock von selbst anschlug, Da wollt ein Hauch sich heben, Wie unsichtbarer Engel Flug, Die übers Wasser schweben.
Nun sieht er auch im Meere fern Ein Lichtlein hell entglommen; Er dacht, wie ist der schöne Stern Dort in die Flut gekommen?
Am Ufer aber durch die Nacht In allen Felsenspalten Regt sich′s und schlüpft es leis und sacht, Viel dunkle, schwanke Gestalten.
Nur manchmal von den Buchten her Schallt Ruderschlag von weitem, Auf Barken lautlos in das Meer Sie nach dem Stern hin gleiten.
Der wächst und breitet sich im Nahn Und streift mit Glanz die Wellen, Es ist ein kleiner Fischerkahn, Den Fackeln mild erhellen.
Und einsam auf des Schiffleins Rand Ein Greis kommt hergezogen In wunderbarem Meßgewand Als wie der Hirt der Wogen.
Die Barken eine weite Rund Dort um den Hirten machen, Der laut nun überm Meeresgrund Den Segen spricht im Nachen.
Da schwieg der Wind und rauscht′ das Meer So wunderbare Weise, Und auf den Knien lag ringsher Die stille Gemeinde im Kreise.
Und als er das Kreuz hob in die Luft, Hoch zwischen die Fackeln trat er - Den Hauptmann schauert im Herzensgrund, Es war sein alter Vater.
Da taumelt′ er und sank ins Gras Betend im stillen Grunde, Und wie Felsenquellen im Frühling brach Sein Herzblut aus allen Wunden.
Und als die Gesellen kommen zum Strand, Einen toten Mann sie finden - Voll Graun sie sprengen fort durchs Land, Als jagt′ sie der Tod in den Winden.
Die stürzten sich in den Krieg so weit, Sie sind verweht und zerstoben, Das Kirchlein aber steht noch heut Unter den Linden droben.
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Interpretation
Das Gedicht "Die stille Gemeinde" von Joseph von Eichendorff erzählt von einem Hauptmann der Jakobiner, der ein Kirchlein zerstören will, das seinem Vater gehört, der sich zum Priester gewandelt hat. Der Hauptmann träumt von seinem Vater, der auf einem Turm sein Banner schwang, als das Schloss seiner Familie brannte. Er beschließt, keine Glocken mehr läuten und kein Kreuz mehr stehen zu lassen, um die Menschen nicht zu betören. Doch in der Nacht sieht er ein Licht auf dem Meer, das sich als ein Fischerkahn mit einem Greis in Meßgewand herausstellt. Der Greis segnet das Meer und die stille Gemeinde, die sich um ihn herum auf den Knien befindet. Der Hauptmann erkennt seinen Vater wieder und fällt betend zu Boden, wo er an seinen Wunden stirbt. Seine Gesellen finden ihn tot und fliehen voller Grauen. Das Kirchlein aber steht noch heute unter den Linden. Das Gedicht spielt in der Zeit der Französischen Revolution, als die Jakobiner eine radikal-säkulare Politik verfolgten und die katholische Kirche bekämpften. Der Hauptmann ist ein ehemaliger Adliger, der sich den Revolutionären angeschlossen hat, um Rache an seinem Vater zu nehmen, der ihn nicht retten wollte. Er symbolisiert den Hass und die Gewalt, die aus persönlichen Verletzungen entstehen können. Der Vater hingegen ist ein Symbol für Vergebung und Spiritualität, der seinen Sohn nicht verurteilt, sondern segnet. Er steht für die Macht des Glaubens, die selbst den Tod überwinden kann. Das Gedicht kontrastiert die Zerstörungswut der Revolution mit der Beständigkeit des Glaubens. Der Hauptmann will das Kirchlein niederreißen, aber es bleibt unversehrt. Er will die Glocken und Kreuze verbieten, aber sie erklingen und leuchten trotzdem. Er will seinen Vater töten, aber er begegnet ihm im Tod wieder. Das Gedicht zeigt, dass der Glaube nicht durch Gewalt auszurotten ist, sondern eine ewige und universelle Kraft ist, die in der Natur und im Meer wirkt. Das Meer ist ein Symbol für das Unbewusste, das Mystische und das Göttliche, das den Hauptmann in seinen Bann zieht und ihn zur Umkehr bewegt. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Hoffnung, dass der Glaube trotz aller Wirren der Geschichte überdauert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Titel: Die stille Gemeinde
- Anspielung
- Die Marseillaise sangen
- Bildsprache
- Und als die Nacht schritt leis daher
- Enjambement
- Er sprach verwirrt: »Da drüben stand / Des Vaters Schloß am Weiher
- Hyperbel
- Licht sei, wohin wir dringen
- Ironie
- Den Schaft als Kreuz nun in der Hand Teilt er die Flammenwogen
- Kontrast
- Doch keine Glocken klangen heut Vom grünen Felsenkranze
- Metapher
- Von Bretagnes Hügeln, die das Meer Blühend hell umsäumen
- Personifikation
- Das Kornfeld und die Wälder weit Rauschten im Sonntagsglanze
- Symbolik
- Das Kreuz als Symbol für Glauben und Opfer