Die Sternseherin Lise

Matthias Claudius

1740

Ich sehe oft um Mitternacht, Wenn ich mein Werk getan Und niemand mehr im Hause wacht, Die Stern′ am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut Als Lämmer auf der Flur; In Rudeln auch, und aufgereih′t Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit, Und funkeln rein und schön; Ich seh die große Herrlichkeit, Und kann mich satt nicht sehn…

Dann saget, unterm Himmelszelt, Mein Herz mir in der Brust: “Es gibt was Bessers in der Welt Als all ihr Schmerz und Lust.”

Ich werf mich auf mein Lager hin, Und liege lange wach, Und suche es in meinem Sinn, Und sehne mich darnach.

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Illustration zu Die Sternseherin Lise

Interpretation

Das Gedicht "Die Sternseherin Lise" von Matthias Claudius beschreibt die nächtliche Kontemplation der Protagonistin Lise. In den stillen Stunden der Nacht, wenn alle anderen schlafen, wendet sie ihren Blick dem Himmel zu und betrachtet die Sterne. Diese erscheinen ihr wie verstreute Schafe auf einer Weide oder wie Perlen an einer Schnur, die funkelnd über den Himmel verteilt sind. Lise ist von der Schönheit und Pracht des Sternenhimmels so fasziniert, dass sie nicht genug davon bekommen kann. Die Betrachtung der Sterne löst bei Lise eine tiefere Reflexion über das Leben aus. Unter dem weiten Himmelszelt erkennt sie, dass es in der Welt etwas Besseres gibt als alle menschlichen Freuden und Leiden. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht konkret benennbar, sondern bleibt ein sehnsüchtiges Gefühl, das sie nicht loslässt. Lise liegt lange wach in ihrem Bett und versucht, dieses "Bessere" in ihrem Sinn zu erfassen, doch es bleibt ihr unerreichbar. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der stillen Ehrfurcht und der unerfüllten Sehnsucht. Lise findet in der Schönheit der Natur eine tiefe spirituelle Erfahrung, die ihr die Vergänglichkeit menschlicher Sorgen und Freuden vor Augen führt. Gleichzeitig bleibt sie in ihrer menschlichen Begrenztheit gefangen und kann die ersehnte Erkenntnis nicht vollständig erfassen. Das Gedicht thematisiert die Spannung zwischen der transzendenten Schönheit der Natur und der menschlichen Unfähigkeit, sie vollständig zu begreifen.

Schlüsselwörter

hin funkeln sehe oft mitternacht werk getan mehr

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wenn ich mein Werk getan
Bildsprache
Ich seh die große Herrlichkeit, Und kann mich satt nicht sehn
Enjambement
Ich werf mich auf mein Lager hin, Und liege lange wach
Hyperbel
Und kann mich satt nicht sehn
Metapher
Sie gehn da, hin und her zerstreut Als Lämmer auf der Flur
Personifikation
Sie funkeln alle weit und breit, Und funkeln rein und schön
Symbolik
Es gibt was Bessers in der Welt Als all ihr Schmerz und Lust
Vergleich
In Rudeln auch, und aufgereih't Wie Perlen an der Schnur