Die Sternbaumsäge

Hans Schiebelhuth

1921

Am Sternbaum wurde merklich gesägt. Wer weitergeht wird erschossen! Gehn Sie nicht weiter, Sie werden erschossen. Obschon ich nicht weiter ging, ich wurde erschossen. Nichts war zu tun, denn Preußen sind mal so.

Am Sternbaum wurde merklich gesägt. Der Schlaf den abertausend Bürger schnarchten das Röcheln der Entrechteten zusammen sägten sehr laut. Das rote Antlitz Gottes des Häuers der das Mondbeil schwang wider Wucherndes verschwand.

Am Sternbaum wurde merklich gesägt. Acht Engel in Badehosen rissen die Himmelstür auf, spuckten den Pfriem aus, sagten: “Nu? Du erbst das Gold und allen Glanz der Tropenländer, wackrer Briefmarkensammler; das madengrüne Preußen unter die blaue Käsglocke des Himmels gestülpt; das Glück der Ausflugsorte wo die süßen Schilder stehn: ‘Hier können Familien Kaffee kochen!’ und auch den Tod der hoch vom Mastkorb des Piraten klabautrisch grinst. Dein Mitleid darf sich satt an Mauerblümchen sehn, die keinen Tanz getanzt. Für Deine Achtung stehn achtmalhunderttausend Rentner in Parade die niemals nicht ihr Mittagsmahl gehabt. Dein sei Papa-Pomade-Pumpernickel-Pudding, Du weilst wo alle Orgeln Ox-Trott spielen Dir blüht die Nacht-Narzisse innen im Popo zu teil wird Dir der Dolch des Bauchaufschlitzers Jack, die Weihnacht aller Junggesellen in der Bar, der Ehrenstandpunkt aller Länder - und am Sternbaum wird merklich gesägt.”

Die Säge ging. Und als es Morgen war, da stürzte mein geliebter Sternbaum ins blinde Nichts. Der Himmel war ein ödes graues Loch. Ich war erloschen. Und Europa war schon tot, es brauchte nicht zu sterben. Auf allen Straßen gingen tote Leute, den Zahn der Sternbaumsäge im Gesicht.

Charon, der Seefahrer einzig, der Ferge, der um der Sehnsucht willen Europa gerade verlassen hatte und in der gestohlnen Jolle eines Atlantikdampfers dauerskatend mit sich selbst von dannen trieb, entging dem grausen Geschehn.

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Illustration zu Die Sternbaumsäge

Interpretation

Das Gedicht "Die Sternbaumsäge" von Hans Schiebelhuth ist eine düstere und allegorische Betrachtung der europäischen Gesellschaft und ihrer politischen Zustände. Der Sternbaum symbolisiert hier vermutlich ein Ideal oder eine Hoffnung, die durch politische und gesellschaftliche Entwicklungen bedroht wird. Die wiederholte Warnung "Wer weitergeht wird erschossen!" deutet auf eine Atmosphäre der Unterdrückung und Angst hin, in der freie Meinungsäußerung und Handlungsfreiheit eingeschränkt sind. Der Sprecher, der trotzdem "erschossen" wird, obwohl er nicht weitergeht, deutet auf die Willkür und Unberechenbarkeit der herrschenden Machtstrukturen hin. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die kollektive Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber dem Niedergang des Sternbaums. Die "abertausend Bürger" schlafen, während die "Entrechteten" leise vor sich hinröcheln. Dies könnte als Kritik an der Gleichgültigkeit der Mehrheit gegenüber den Nöten und dem Leiden der Minderheit interpretiert werden. Die "rote Antlitz Gottes" und der "Häuer" mit dem "Mondbeil" könnten religiöse oder mythologische Anspielungen sein, die auf den Verlust von Idealen und Werten hinweisen. Im dritten Teil des Gedichts wird dem Sprecher ein ironisches und sarkastisches "Paradies" versprochen, das aus materiellen Gütern, sozialem Status und der Ignoranz gegenüber dem Leid anderer besteht. Die "acht Engel in Badehosen" könnten als Verhöhnung traditioneller religiöser oder moralischer Werte interpretiert werden. Der Sprecher wird mit einem Leben voller Oberflächlichkeit und Selbstzufriedenheit gelockt, während der Sternbaum weiterhin "merklich gesägt" wird. Der letzte Teil des Gedichts beschreibt den endgültigen Zusammenbruch des Sternbaums und die damit verbundene Zerstörung der Gesellschaft. Der Himmel wird als "ödes graues Loch" beschrieben, was auf den Verlust von Hoffnung und Idealen hindeutet. Die "toten Leute" auf den Straßen mit dem "Zahn der Sternbaumsäge im Gesicht" symbolisieren die geistige und moralische Verwahrlosung der Gesellschaft. Der einzige Ausweg aus diesem Zustand scheint die Flucht zu sein, wie sie Charon, der Fährmann der Unterwelt, symbolisiert. Er entkommt in einer gestohlenen Jolle und spielt Dauerskat, was als Metapher für die Flucht in eine innere Emigration oder eine Welt der Träume und Illusionen interpretiert werden könnte.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Papa-Pomade-Pumpernickel-Pudding
Anspielung
Charon, der Seefahrer einzig
Hyperbel
Acht Engel in Badehosen rissen die Himmelstür auf
Ironie
Dein Mitleid darf sich satt an Mauerblümchen sehn, die keinen Tanz getanzt
Kontrast
das madengrüne Preußen unter die blaue Käsglocke des Himmels gestülpt
Metapher
Am Sternbaum wurde merklich gesägt
Personifikation
Der Schlaf den abertausend Bürger schnarchten
Reim
schnarchten - sägten
Symbolik
Der Sternbaum als Symbol für Europa
Wiederholung
Am Sternbaum wurde merklich gesägt