Die Stadt
1881Er kam vom Hügel. Ein ferner Stern zog weiß Die Straße zur Tiefe. Die Füße sprangen schnell, Die Augen stachen durchs gelbgeballte Haar. Die Nacht sprang aus der Erde, blau und leis. Der weiße Stern stand weit, die Nacht lag hell. Die Nacht zerriss den Stern zum weißen Paar, Die Straße wich zurück in blauem Lauf, Die Sterne zuckten hastig höher auf. Ein Wind zog herüber, irr von Geschrei und heiß.
Er lief schon schwankend. Glückselig sah er sacht Die Straße rollen rötlich zum silbernen Schein Der riesigen Türme. Deren Lampen schwangen Spielend mit den Ufern der blitzenden Nacht An der Straße über verblassendem Stein. Die Füße hoben sich zum Flug und sprangen. Die Nacht wurde klein, die Straße raschelte still. Da schossen die Lampen zur Höhe und rissen schrill Die Türme in den dunklen, ungeheuren Schacht.
Dunkel von Röcken und Hüten schwankt eine Wand; Nur ihm hing nackt das gelbe Haar ums Gesicht. Das Schattengewühl der Menge zog zur Stadt. Da rissen die Türme die Straße breit ins Licht, Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt Über den Glanz der Hüte ins steinerne Land. Geschrei der Menge lief um die steilen Flanken Der dunklen Terrasse. Sie saßen lässig und tranken. Da sah er zwischen den Türmen das Seil gespannt.
Ein nackter Schatten wiegte es. Er blieb stehn, Die Menschen wichen schweigend zu den Seiten. Er stand unterm Seil. Sie rückten die Hüte nicht. Er sah die nackte Frau übers Seil hingleiten. Er stand ohne Atem. Er sah hoch oben das Licht Laufen über die hellen Schenkel und Zehn. Zur Stadt hinter den Türmen drängte die Menge vorbei. Ein Wind flog über die Mauer, heiß von Geschrei. Niemand im schwarzen Gewühl hatte aufwärts gesehn.
Die Augen der Lampen zuckten über die Frau. Das Seil schwankte kreisend, als sie schnell sprang. Sie war ernst, hoch oben. Ein Turmlicht zischte weiß, Sie lächelte im Sprung zur Seite, wo es sang. Das Turmlicht drückte ihr Haar im Schattenkreis Hell auf die Nacht. Das Licht reckte sich lau Zum blonden Stern des Bauchs. Ein Schattengürtel band Sich schmal um sie. Flog hinauf. Verschwand. Sie bückte sich und hob die Arme ins Blau.
Sie sprang ernst. Sie sah ihn und lächelte leer. Die Menschen liefen zur Stadt durch die Mäuler der Steine. Er stand im Gewühl ohne Atem. Das Turmlicht pfiff. Über den steilen Glanz ihrer tanzenden Beine Rannen siedende Blasen des Lichts hin und her - Als sie plötzlich ins blaue Luftlicht griff. Sie schwankt schon grinsend. Zur Nacht hinauf krallen Zwei Falten. Aber niemand bleibt stehn. Sie muss fallen! Der helle Stern ihres Bauchs zittert so sehr.
Die Häuser taumeln. Blass steigt ein weiter Kreis Von bleichen Mauern auf im grünlichen Schein. - Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt Über blaue Terrassen. Die Straßen raschelten leis. Im Schattengewühl der Menge stand er klein. Er lief klein und wild. Die Nacht sprang aus der Stadt. Er lief über den Hügel. Die Nacht lag hell. Fern stand ein weißer Stern. Die Füße sprangen schnell. Ein Wind zog herüber, bunt von Geschrei und heiß.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Stadt" von Ludwig Rubiner beschreibt die Reise eines Mannes von einem Hügel in eine Stadt und seine Erfahrungen dort. Die Stadt wird als ein Ort der Verwirrung und des Chaos dargestellt, mit leuchtenden Türmen, einer Menge von Menschen und einer nackten Frau, die auf einem Seil tanzt. Der Mann ist fasziniert von der Frau und ihrem Tanz, aber auch von der Stadt selbst. Am Ende des Gedichts kehrt der Mann auf den Hügel zurück und blickt auf die Stadt zurück, die nun als ein Ort der Verwirrung und des Chaos dargestellt wird. Das Gedicht ist in vier Strophen unterteilt, die jeweils einen anderen Aspekt der Reise des Mannes beschreiben. Die erste Strophe beschreibt die Ankunft des Mannes in der Stadt und seine ersten Eindrücke. Die zweite Strophe beschreibt die Verwirrung und das Chaos der Stadt, mit ihren leuchtenden Türmen und der Menge von Menschen. Die dritte Strophe beschreibt den Tanz der nackten Frau auf dem Seil und die Faszination des Mannes für sie. Die vierte Strophe beschreibt die Rückkehr des Mannes auf den Hügel und seinen Blick auf die Stadt. Das Gedicht ist ein Beispiel für die expressionistische Dichtung, die sich durch ihre subjektive und emotionale Sprache auszeichnet. Rubiner verwendet lebhafte Bilder und Metaphern, um die Verwirrung und das Chaos der Stadt zu beschreiben. Das Gedicht ist auch ein Beispiel für die moderne Dichtung, die sich durch ihre experimentelle Form und ihre Verwendung von Alltagssprache auszeichnet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Sterne zuckten hastig höher auf.
- Bildsprache
- Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt.
- Enjambement
- Die Straße rollen rötlich zum silbernen Schein / Der riesigen Türme.
- Hyperbel
- Die riesigen Türme.
- Kontrast
- Die Nacht lag hell.
- Metapher
- Die Nacht sprang aus der Erde, blau und leis.
- Personifikation
- Die Augen stachen durchs gelbgeballte Haar.
- Symbolik
- Ein ferner Stern zog weiß.
- Vergleich
- Ein nackter Schatten wiegte es.
- Wiederholung
- Die Nacht sprang aus der Stadt.