Die Stadt im Meer

Edgar Allan Poe

1809

Das ist des Todes Residenz, Diese seltsame Stadt im fernen Westen. Hier thront er und erteilt Audienz Den Bösen und Guten, den Schlimmsten und Besten. Hier stehen mächtige Säulenhallen (Zermorschtes Gemäuer, das nicht zittert) Neben Kapellen und Kathedralen Und hohen Palästen, schwarz und verwittert. Ringsum, vom Winde vergessen, ruht, Wie schlafend, eine eisige Flut.

Kein Strahl aus dem himmlischen Gewölbe Fällt auf das Dunkel dieser Stadt; Doch einen Schimmer, traurig und matt, Entsendet das Meer, das rötlich gelbe. Und der kriecht hinauf an dunklen Palästen, An babylonischen Türmen und Vesten. Der kriecht empor an eisernen Kerkern Und schattigen, ausgestorbenen Erkern. Der schlängelt sich aufwärts an Säulenhallen Und an gigantischen Kathedralen

Mit steinernem Zierat von grotesken Blumengewinden und Arabesken, An vielen wundersamen Kapellen - Und gleitet zurück in die kalten Wellen, Die melancholischen, schweigenden Wellen.

Von einem stolzen Turm übersieht Der finstere König sein Gebiet.

Tempel und Gräber öffnen sich weit - Da erglänzt eine seltsame Herrlichkeit. Doch weder die Gräber mit ihren Schätzen, Noch die demantenen Augen der Götzen Locken die Wogen aus ihrem Bette. Gläsern bleibt die schaurige Glätte; Kein Hauch, kein noch so leises Säuseln, Erhebt sich, diese Fläche zu kräuseln. Kein Schwellen erzählt von glücklichen Seen, Worüber heitere Lüfte wehen. Kein Wallen erzählt, daß es Meere gibt, Weniger grauenhaft ungetrübt. Da regt sich etwas im trägen Meere, Als wären die Türme plötzlich versunken Und hätten die Flut auseinandergeschoben; Die Woge färbt sich, als ob ein Funken, Ein wärmender Sonnenfunken von oben, Auf sie herniedergeglitten wäre. Und wenn nun durch den geöffneten Spalt Der trägen, melancholischen Flut Die seltsame Stadt versinkt - dann zahlt Ihr die Hölle selber Tribut.

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Illustration zu Die Stadt im Meer

Interpretation

Das Gedicht "Die Stadt im Meer" von Edgar Allan Poe handelt von einer mysteriösen und unheimlichen Stadt im Meer, die als Residenz des Todes dient. Die Stadt wird als düster und verlassen beschrieben, umgeben von einer eisigen Flut. Die Atmosphäre ist melancholisch und traurig, mit einem rötlichen Schimmer des Meeres, der auf die schwarzen Paläste und Kathedralen fällt. Die Stadt ist voller beeindruckender Architektur, darunter Säulenhallen, Kapellen und Paläste, die jedoch alle verwittert und von der Zeit gezeichnet sind. Die Beschreibung der Stadt erweckt den Eindruck einer verlassenen und vergessenen Ortes, an dem der Tod herrscht. Die Wogen des Meeres bleiben gläsern und reglos, als ob sie von der düsteren Atmosphäre der Stadt beeinflusst sind. Am Ende des Gedichts wird eine seltsame Erscheinung beschrieben, bei der sich die Türme der Stadt plötzlich zu versenken scheinen und die Flut sich öffnet. Es wird angedeutet, dass die Stadt in die Tiefen des Meeres sinkt und die Hölle selbst Tribut an diesen mysteriösen Ort zahlt. Das Gedicht vermittelt eine düstere und unheimliche Stimmung und lässt den Leser über die Natur des Todes und das Unbekannte nachdenken.

Schlüsselwörter

kein seltsame stadt flut säulenhallen kapellen kathedralen palästen

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Stilmittel

Alliteration
Mit steinernem Zierat von grotesken Blumengewinden und Arabesken.
Bildsprache
Und wenn nun durch den geöffneten Spalt Der trägen, melancholischen Flut Die seltsame Stadt versinkt - dann zahlt Ihr die Hölle selber Tribut.
Hyperbel
An gigantischen Kathedralen.
Kontrast
Doch weder die Gräber mit ihren Schätzen, Noch die demantenen Augen der Götzen Locken die Wogen aus ihrem Bette.
Metapher
Die Woge färbt sich, als ob ein Funken, Ein wärmender Sonnenfunken von oben, Auf sie herniedergeglitten wäre.
Parallelismus
Der kriecht hinauf an dunklen Palästen, An babylonischen Türmen und Vesten.
Personifikation
Da regt sich etwas im trägen Meere, Als wären die Türme plötzlich versunken Und hätten die Flut auseinandergeschoben.
Symbolik
Von einem stolzen Turm übersieht Der finstere König sein Gebiet.