Die Spitze
1875I
Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze, noch unbestätigter Bestand von Glück: ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze, zu diesem kleinen dichten Spitzenstück zwei Augen wurden? - Willst du sie zurück? Du Langvergangene und schließlich Blinde, ist deine Seligkeit in diesem Ding, zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde, dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging? Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke entzogst du deine Seele deiner Zeit; und sie ist so in diesem lichten Stücke, daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit. II
Und wenn uns eines Tages dieses Tun und was an uns geschieht gering erschiene und uns so fremd, als ob es nicht verdiene, daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn um seinetwillen wachsen -: Ob die Bahn vergilbter Spitze, diese dichtgefügte blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte, uns hier zu halten; sieh: sie ward getan. Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß? Ein Glück war da und wurde hingegeben, und endlich wurde doch, um jeden Preis, dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben und doch vollendet und so schön als sei′s nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Spitze" von Rainer Maria Rilke handelt von der tiefen Bedeutung und der emotionalen Verbindung, die ein einfaches Stück Spitze für den Dichter hat. Im ersten Teil des Gedichts reflektiert Rilke über die Menschlichkeit und die Vergänglichkeit des Glücks, während er die Spitze als Symbol für die Konzentration und Transformation von Gefühlen betrachtet. Er fragt sich, ob es unmenschlich ist, dass aus dieser Spitze zwei Augen geworden sind, die ihn zum Lächeln bringen. Im zweiten Teil des Gedichts denkt Rilke über die Bedeutung des Lebens und des Schaffens nach. Er stellt sich vor, dass eines Tages alles, was wir tun und was uns geschieht, als unwichtig erscheinen könnte. Doch dann erinnert er sich an die Spitze und ihre kunstvolle Herstellung, die vielleicht ein Leben gekostet und ein Glück geopfert hat. Trotzdem ist das fertige Stück so vollendet und schön, dass es den Aufwand wert war. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Idee, dass selbst die kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Dinge eine tiefe Bedeutung und Schönheit haben können. Es regt zum Nachdenken über den Wert des Lebens, des Schaffens und der emotionalen Verbindungen an, die wir zu Objekten und Erinnerungen aufbauen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Deine Seligkeit in diesem Ding
- Metapher
- Nicht leichter als das Leben
- Personifikation
- zwei Augen wurden
- Rhetorische Frage
- Willst du sie zurück?