Die Spinnerin

Johann Heinrich Voß

1799

Ich saß und spann vor meiner Thür, Da kam ein junger Mann gegangen; Sein braunes Auge lachte mir, Und röther glühten seine Wangen. Ich sah vom Rocken auf und sann Und saß verschämt, und spann und spann.

Gar freundlich bot er guten Tag Und trat mit holder Scheu mir näher; Mir ward so angst; der Faden brach; Das Herz im Busen schlug mir höher. Betroffen knüpft’ ich wieder an Und saß verschämt, und spann und spann.

Liebkosend drückt’ er mir die Hand, Und schwur, daß keine Hand ihr gleiche, Die schönste nicht im ganzen Land’, An Schwanenweis’ und Ründ’ und Weiche. Wie sehr dies Lob mein Herz gewann; Ich saß verschämt, und spann und spann.

Auf meinen Stuhl er lehnt’ den Arm Und rühmte sehr das feine Fädchen, Sein naher Mund, so roth und warm, Wie zärtlich haucht’ er: Süßes Mädchen! Wie blickte mich sein Auge an! Ich saß verschämt, und spann und spann.

Indes an meine Wange her Sein schönes Angesicht sich bückte, Begegnet’ ihm von Ohngefähr Mein Haupt, das sanft im Spinnen nickte; Da küßte mich der schöne Mann. Ich saß verschämt, und spann und spann.

Mit großem Ernst verwies ichs ihm; Doch ward er kühner stets und freier, Umarmte mich mit Ungestüm Und küßte mich so roth wie Feuer. O sagt mir, Schwestern, sagt mir an: Wars möglich, daß ich weiter spann?

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Illustration zu Die Spinnerin

Interpretation

Das Gedicht "Die Spinnerin" von Johann Heinrich Voß erzählt von einer jungen Frau, die vor ihrer Tür sitzt und spinnend auf einen jungen Mann trifft. Die Begegnung beginnt mit einem unschuldigen Austausch, bei dem die Spinnerin von der Anwesenheit des jungen Mannes überrascht und verlegen wird. Ihre Schüchternheit und Unsicherheit spiegeln sich in der Wiederholung des Satzes "Ich saß verschämt, und spann und spann" wider, der als Refrain durch das Gedicht zieht und ihre innere Zerrissenheit zwischen Pflicht und Verlangen verdeutlicht. Während der junge Mann ihr Komplimente macht und sie mit zärtlichen Worten umgarnt, beginnt die Spinnerin, sich allmählich zu öffnen, bleibt jedoch weiterhin verlegen und zurückhaltend. Die zunehmende Intimität zwischen den beiden wird durch die körperliche Nähe und die leidenschaftlichen Küsse des jungen Mannes verdeutlicht. Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung lässt sich die Spinnerin schließlich auf die Annäherungsversuche ein, was ihre wachsende Anziehungskraft und ihre emotionale Verwirrung unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer Frage der Spinnerin an ihre Schwestern, ob es möglich war, nach der leidenschaftlichen Begegnung weiterzuspinnen. Diese Frage symbolisiert die tiefe Veränderung, die die Begegnung in ihr ausgelöst hat, und deutet auf den Übergang von der Unschuld zur Erfahrung hin. Die Wiederholung des Spinnens als Metapher für das alltägliche Leben und die Routine wird durchbrochen, was die transformative Kraft der Liebe und der Leidenschaft verdeutlicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
süßes Mädchen
Bildsprache
Sein naher Mund, so roth und warm
Hyperbel
daß keine Hand ihr gleiche
Kontrast
Ich saß verschämt, und spann und spann
Metapher
Die schönste nicht im ganzen Land'
Personifikation
Sein braunes Auge lachte mir
Symbolik
das feine Fädchen
Vergleich
An Schwanenweis' und Ründ' und Weiche