Die Spinnen und die Fliegen

Ludwig Anzengruber

1870

In einem Schlößchen, das verlassen Und darum halb verfallen stand, Herbergten in den öden Räumen Viel Dutzend Spinnen an der Wand.

Gesundheithalber aber mochte Der letzte der Insassen hier, Zerbrochne Scheiben nicht vertragen, Und flickte alle mit Papier.

Er schnitt dadurch den vielen Spinnen Der Nahrung Zufuhr gründlich ab, Von außen kam nicht eine Fliege, Wie es bald innen keine gab.

Die netzewebende Gemeine Die wußte nicht, wie ihr geschah, Und war nach langem grimmen Fasten Dem bittern Hungertode nah′.

Da ward für den, der Kraft noch fühlte, Die Selbsterhaltung zum Gesetz, Er lud beim Schwächern sich zu Gaste Und fraß ihn auf im eignen Netz.

Doch als zu höchst die Not gestiegen, Da fügte sich, daß vor dem Schloß Ein muntrer Knab′ vorbeigezogen, Den Langeweile just verdroß.

Er raffte Kiesel auf vom Wege, Und nahm die Fenster sich zum Ziel, Nur wenig heile Scheiben blieben Nach diesem ritterlichen Spiel.

Und durch die Lücken schwärmten Fliegen In Hülle und in Fülle ein, Die Spinnen sagten: »Gottes Güte Regierte sichtbarlich den Stein!«

Sie falteten die Vorderbeine Und dankten ihm, der alle nährt, Und haben dann mit frommen Sinnen Die Fliegen reinlich aufgezehrt.

Doch meinte deren Schwarm hinwieder – Der rings bestrickt vom Tod sich fand – Die Scheiben habe ausgebrochen Der Satan mit selbsteigner Hand.

Entging den grimmen Stricken eine, Durch Gottes Huld hielt sie sich frei, Und ward sie dennoch aufgefressen, So meint sie, daß es Prüfung sei.

Das gilt von Fliegen und von Spinnen, Die an Vernunft nicht überreich, Doch sind wir klugen Menschen ihnen, Gottlob, in keinem Punkte gleich.

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Illustration zu Die Spinnen und die Fliegen

Interpretation

Das Gedicht "Die Spinnen und die Fliegen" von Ludwig Anzengruber handelt von einem verlassenen Schlösschen, in dem zahlreiche Spinnen in den öden Räumen leben. Der letzte Insasse des Schlösschens, der aus Gesundheitsgründen zerbrochene Scheiben mit Papier flickte, unterbrach dadurch die Nahrungszufuhr der Spinnen, da keine Fliegen mehr von außen hereinkommen konnten. Die Spinnen hungerten und einer fraß den anderen auf, um zu überleben. Eines Tages kam ein munterer Knabe vorbei, der Langeweile hatte und mit Kieselsteinen die Fenster beschoss. Dadurch entstanden wieder Lücken in den Scheiben und die Fliegen konnten in Hülle und Fülle ins Schlösschen eindringen. Die Spinnen deuteten dies als göttliche Fügung und dankten Gott für die Nahrung, während die Fliegen meinten, der Satan habe die Scheiben zerstört. Eine Fliege, die dem Tod entkam, hielt sich für frei und wurde trotzdem gefressen, was sie als Prüfung Gottes deutete. Anzengruber vergleicht am Ende die Spinnen und Fliegen, die an Vernunft nicht überreich sind, mit den klugen Menschen, die Gott sei Dank in keinem Punkt gleich sind. Das Gedicht "Die Spinnen und die Fliegen" von Ludwig Anzengruber erzählt die Geschichte eines verlassenen Schlösschens, in dem zahlreiche Spinnen in den öden Räumen leben. Der letzte Insasse des Schlösschens, der aus Gesundheitsgründen zerbrochene Scheiben mit Papier flickte, unterbrach dadurch die Nahrungszufuhr der Spinnen, da keine Fliegen mehr von außen hereinkommen konnten. Die Spinnen hungerten und einer fraß den anderen auf, um zu überleben. Eines Tages kam ein munterer Knabe vorbei, der Langeweile hatte und mit Kieselsteinen die Fenster beschoss. Dadurch entstanden wieder Lücken in den Scheiben und die Fliegen konnten in Hülle und Fülle ins Schlösschen eindringen. Die Spinnen deuteten dies als göttliche Fügung und dankten Gott für die Nahrung, während die Fliegen meinten, der Satan habe die Scheiben zerstört. Eine Fliege, die dem Tod entkam, hielt sich für frei und wurde trotzdem gefressen, was sie als Prüfung Gottes deutete. Anzengruber vergleicht am Ende die Spinnen und Fliegen, die an Vernunft nicht überreich sind, mit den klugen Menschen, die Gott sei Dank in keinem Punkt gleich sind.

Schlüsselwörter

spinnen scheiben fliegen alle grimmen ward gottes schlößchen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Gesundheithalber aber mochte
Bildsprache
Er raffte Kiesel auf vom Wege, Und nahm die Fenster sich zum Ziel
Dramatisierung
Da ward für den, der Kraft noch fühlte, Die Selbsterhaltung zum Gesetz
Hyperbel
Von außen kam nicht eine Fliege, Wie es bald innen keine gab
Ironie
Und haben dann mit frommen Sinnen Die Fliegen reinlich aufgezehrt
Kontrast
Doch sind wir klugen Menschen ihnen, Gottlob, in keinem Punkte gleich
Metapher
Die Spinnen sagten: »Gottes Güte Regierte sichtbarlich den Stein!«
Parallelismus
Gesundheithalber aber mochte / Der letzte der Insassen hier, / Zerbrochne Scheiben nicht vertragen, / Und flickte alle mit Papier
Personifikation
Die netzewebende Gemeine Die wußte nicht, wie ihr geschah
Symbolik
Der Satan mit selbsteigner Hand