Die Spiegel
1918Warum werden Spiegel im Alter matt? Weil jeder maßlos genossen hat. Denn sind sie glücklich, die schönen Frauen, Tun sie geschwind zu dem Spiegel schauen. Und mussten zarte Frauen mal weinen, Trocknen am Spiegel die Tränen, die feinen. Immer müssen die heimlichsten Frauen Herzenswünsche dem Spiegel vertrauen. Wie oft habe ich einen Spiegel beneidet, Weil meine Liebste sich an ihm weidet! Wie oft habe ich ihren Spiegel verflucht, Da ich warten musste, wenn sie ihn besucht. Gar manche hat alle Männer verhöhnt Und lächelnd nur ihren Spiegel verwöhnt. Ich schlüge gern all′ die Spiegel ein, Sie verführen die Frau′n durch Schmeichelein. O Gott, wenn ich selbst doch ein Spiegel wär! Denn jede trennt sich von ihm so schwer.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Spiegel" von Max Dauthendey beschäftigt sich mit der ambivalenten Beziehung zwischen Frauen und Spiegeln. Es beginnt mit der Frage, warum Spiegel im Alter matt werden, und liefert eine Antwort, die auf maßlosem Gebrauch und emotionalen Ausbrüchen der Frauen beruht. Die Spiegel dienen als stille Zeugen der Freuden und Leiden der Frauen, die sich in ihnen betrachten, weinen oder ihre innersten Wünsche anvertrauen. Das Gedicht drückt eine tiefe Eifersucht und Frustration des lyrischen Ichs aus, das die Spiegel beneidet, weil sie von der Geliebten so intensiv beachtet werden. Gleichzeitig verflucht es die Spiegel, da sie die Frau in Anspruch nehmen und das lyrische Ich warten lassen. Die Spiegel werden als Verführerinnen dargestellt, die die Frauen durch Schmeichelei in ihren Bann ziehen und von den Männern ablenken. Das Gedicht endet mit einem paradoxen Wunsch des lyrischen Ichs, selbst ein Spiegel zu sein. Dieser Wunsch verdeutlicht die Sehnsucht nach der ungeteilten Aufmerksamkeit der Frau und die Erkenntnis, dass die Frau sich nur schwer von ihrem Spiegel trennen kann. Die Spiegel symbolisieren somit sowohl die Eitelkeit und Selbstbezogenheit der Frauen als auch die unerreichbare Perfektion, nach der sie streben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Fluch
- Wie oft habe ich ihren Spiegel verflucht
- Frage
- Warum werden Spiegel im Alter matt?
- Gewalt
- Ich schlüge gern all′ die Spiegel ein
- Hohn
- Gar manche hat alle Männer verhöhnt
- Hyperbel
- Und mussten zarte Frauen mal weinen
- Metapher
- Denn jede trennt sich von ihm so schwer
- Neid
- Wie oft habe ich einen Spiegel beneidet
- Personifikation
- Und lächelnd nur ihren Spiegel verwöhnt
- Wunsch
- O Gott, wenn ich selbst doch ein Spiegel wär
- Übertreibung
- Da ich warten musste, wenn sie ihn besucht