Die Sonne

Hugo Ball

1927

Zwischen meinen Augenlidern fährt ein Kinderwagen. Zwischen meinen Augenlidern geht ein Mann mit einem Pudel. Eine Baumgruppe wird zum Schlangenbündel und zischt in den Himmel. Ein Stein hält eine Rede. Bäume in Grünbrand. Fliehende Inseln. Schwanken und Muschelgeklingel und Fischkopf wie auf dem Meeresboden.

Meine Beine strecken sich aus bis zum Horizont. Eine Hofkutsche knackt Drüber weg. Meine Stiefel ragen am Horizont empor wie die Türme einer Versinkenden Stadt. Ich bin der Riese Goliath. Ich verdaue Ziegenkäse. Ich bin ein Mammuthkälbchen. Grüne Grasigel schnüffeln an mir. Gras spannt grüne Säbel und Brücken und Regenbögen über meinen Bauch.

Meine Ohren sind rosa Riesenmuscheln, ganz offen. Mein Körper schwillt an Von Geräuschen, die sich gefangen haben darin. Ich höre das Meckern Des großen Pan. Ich höre die zinnoberrote Musik der Sonne. Sie steht Links oben. Zinnoberrot sprühen die Fetzen hinaus in die Weltnacht. Wenn sie herunterfällt, zerquetscht sie die Stadt und die Kirchtürme Und alle Vorgärten voll Krokus und Hyazinthen, und wird einen Schall geben Wie Blech von Kindertrompeten.

Aber es ist in der Luft ein Gegeneinanderwehen von Purpur und Eigelb Und Flaschengrün: Schaukeln, die eine orangene Faust festhält an langen Fäden, Und ist ein Singen von Vogelhälsen, die über die Zweige hüpfen. Ein sehr zartes Gestänge von Kinderfahnen.

Morgen wird man die Sonne auf einen großrädrigen Wagen laden Und in die Kunsthandlung Caspari fahren. Ein vielköpfiger Neger Mit wulstigem Nacken, Blähnase und breitem Schritt wird fünfzig weiß- Juckende Esel halten, die vor den Wagen gespannt sind beim Pyramidenbau.

Eine Menge blutbunten Volks wird sich stauen: Kindsbetterinnen und Ammen, Kranke im Fahrstuhl, ein stelzender Kranich, zwei Veitstänzerinnen, Ein Herr mit einer Ripsschleifenkrawatte und ein rotduftender Schutzmann.

Ich kann mich nicht halten: Ich bin voller Seligkeit. Die Fensterkreuze Zerplatzen. Ein Kinderfräulein hängt bis zum Nabel aus einem Fenster heraus. Ich kann mir nicht helfen: Die Dome zerplatzen mit Orgelfugen. Ich will Eine neue Sonne schaffen. Ich will zwei gegeneinanderschlagen Wie Zymbeln, und meiner Dame die Hand hinreichen. Wir werden entschweben In einer violetten Sänfte über die Dächer euerer Hellgelben Stadt wie Lampenschirme aus Seidenpapier im Zugwind.

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Illustration zu Die Sonne

Interpretation

Das Gedicht "Die Sonne" von Hugo Ball ist ein surrealistisches Werk, das die Grenzen der Realität und der Wahrnehmung sprengt. Ball nutzt eine Vielzahl von Bildern und Metaphern, um eine traumartige, fast halluzinatorische Szene zu schaffen, in der die Sonne als zentrales Element fungiert. Die erste Strophe führt den Leser in eine Welt ein, in der die Realität verzerrt ist. Kinderwagen, Männer mit Pudeln und Baumgruppen, die zu Schlangenbündeln werden, erzeugen ein Gefühl der Desorientierung und des Surrealismus. Die Person im Gedicht erlebt eine Art Größenwahn, indem sie sich als Riese Goliath oder Mammutkalb sieht und die Welt um sich herum als klein und bedeutungslos wahrnimmt. Die zweite Strophe setzt diese surreale Reise fort, indem sie die Person als Teil der Landschaft beschreibt, mit Beinen, die sich bis zum Horizont erstrecken, und Stiefeln, die wie Türme einer versinkenden Stadt aufragen. Die Person hört die "Zinnoberrote Musik der Sonne" und stellt sich vor, wie die Sonne herabfällt und die Stadt zerstört, was eine apokalyptische Stimmung erzeugt. In der dritten Strophe wird die Szene noch bizarrer, mit einer Mischung aus Farben und Klängen, die eine fast kindliche Unschuld und Freude ausstrahlen. Die Person imaginiert, wie die Sonne auf einen Wagen geladen und in eine Kunsthandlung gefahren wird, begleitet von einer exotischen und exzentrischen Menschenmenge. Die letzte Strophe endet mit einer Explosion von Freude und Kreativität, als die Person beschließt, eine neue Sonne zu schaffen und mit ihrer Dame in einer violetten Sänfte über die Dächer der Stadt zu entschweben. Insgesamt ist "Die Sonne" ein Gedicht, das die Vorstellungskraft des Lesers herausfordert und eine Welt voller Wunder und Surrealismus erschafft, in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Meine Beine strecken sich aus bis zum Horizont
Metapher
Wir werden entschweben in einer violetten Sänfte über die Dächer euerer hellgelben Stadt wie Lampenschirme aus Seidenpapier im Zugwind
Personifikation
Ein Stein hält eine Rede
Vergleich
Schaukeln, die eine orangene Faust festhält an langen Fäden