Die Sonne bringt es an den Tag
1827Gemächlich in der Werkstatt saß Zum Frühtrunk Meister Nikolas, Die junge Hausfrau schenkt’ ihm ein, Es war im heitern Sonnenschein. - Die Sonne bringt es an den Tag.
Die Sonne blinkt von der Schale Rand, Malt zitternde Kringeln an die Wand, Und wie den Schein er ins Auge faßt, So spricht er für sich, indem er erblaßt : “Du bringst es doch nicht an den Tag” -
“Wer nicht? was nicht?’. die Frau fragt gleich, “Was stierst du so an? was wirst du so bleich?” Und er darauf: “Sei still, nur still ! Ich’s doch nicht sagen kann noch will. Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.”
Die Frau nur dringender forscht und fragt, Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt, Mit süßem und mit bitterm Wort; Sie fragt und plagt ihn Ort und Ort : “Was bringt die Sonne nicht an den Tag?”
“Nein nimmermehr!” - “Du sagst es mir noch.” “Ich sag es nicht.” - “Du sagst es mir doch.” Da ward zuletzt er müd und schwach Und gab der Ungestümen nach. - Die Sonne bringt es an den Tag.
“Auf der Wanderschaft, ’s sind zwanzig Jahr, Da traf es mich einst gar sonderbar. Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh, War hungrig und durstig und zornig dazu. - Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.
Da kam mir just ein Jud in die Quer, Ringsher war’s still und menschenleer, ‘Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not! Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!’ Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.
Und er: ‘Vergieße nicht mein Blut, Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!’ Ich glaubt ihm nicht und fiel ihn an ; Er war ein alter, schwacher Mann - Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.
So rücklings lag er blutend da; Sein brechendes Aug in die Sonne sah; Noch hob er zuckend die Hand empor, Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr. ‘Die Sonne bringt es an den Tag!’
Ich macht ihn schnell noch vollends stumm Und kehrt ihm die Taschen um und um: Acht Pfenn’ge, das war das ganze Geld. Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld - Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.
Dann zog ich weit und weiter hinaus, Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. - Du weißt nun meine Heimlichkeit, So halte den Mund und sei gescheit! Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.
Wann aber sie so flimmernd scheint, Ich merk es wohl, was sie da meint, Wie sie sich müht und sich erbost, - Du, schau nicht hin und sei getrost : Sie bringt es doch nicht an den Tag.”
So hatte die Sonn eine Zunge nun, Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. - “Gevatterin, um Jesus Christ! Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt!” - Nun bringt’s die Sonne an den Tag.
Die Raben ziehen krächzend zumal Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl. Wen flechten sie aufs Rad zur Stund? Was hat er getan? wie ward es kund? Die Sonne bracht es an den Tag.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Sonne bringt es an den Tag" von Adelbert von Chamisso erzählt die Geschichte von Meister Nikolas, der von seiner Frau nach einer dunklen Vergangenheit gefragt wird. Die Sonne wird als Symbol für Wahrheit und Offenbarung verwendet, da sie das Verborgene ans Licht bringt. Im ersten Teil des Gedichts sitzt Meister Nikolas gemütlich in seiner Werkstatt und wird von seiner Frau zum Frühtrunk eingeschenkt. Die Sonne scheint hell und malt zitternde Kringel an die Wand. Als Meister Nikolas in die Sonne blickt, wird er blass und murmelt vor sich hin, dass die Sonne es nicht an den Tag bringen werde. Seine Frau wird neugierig und fragt nach, was er meint, aber er weigert sich zunächst, ihr zu antworten. Im zweiten Teil des Gedichts gibt Meister Nikolas schließlich nach und erzählt seiner Frau von einem Vorfall auf seiner Wanderschaft vor 20 Jahren. Er traf einen Juden, der ihm acht Pfennige anbot, um ihn aus seiner Not zu helfen. Meister Nikolas glaubte ihm nicht und fiel ihn an. Der Jude war ein alter, schwacher Mann und starb bei dem Angriff. Meister Nikolas begrub ihn auf einem Feld und zog weiter, bis er schließlich an seinen jetzigen Wohnort kam. Er bittet seine Frau, dieses Geheimnis für sich zu behalten und nicht weiter darüber zu sprechen. Im letzten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die Sonne tatsächlich die Wahrheit ans Licht gebracht hat. Die Frau kann ihr Geheimnis nicht für sich behalten und erzählt es weiter. Die Raben ziehen zum Hochgericht, um ihre Mahlzeit zu halten, und Meister Nikolas wird auf das Rad geflochten. Die Sonne hat es an den Tag gebracht und die Gerechtigkeit hat gesiegt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zum Frühtrunk Meister Nikolas
- Anapher
- Die Sonne bringt es an den Tag
- Direkte Rede
- Du bringst es doch nicht an den Tag
- Enjambement
- Und wie den Schein er ins Auge faßt, / So spricht er für sich, indem er erblaßt
- Epipher
- Die Sonne bringt es an den Tag
- Frage
- Wer nicht? was nicht?'. die Frau fragt gleich
- Imperativ
- Sei still, nur still !
- Kontrast
- Mit süßem und mit bitterm Wort
- Metapher
- Die Sonne blinkt von der Schale Rand
- Personifikation
- So hatte die Sonn eine Zunge nun
- Wiederholung
- Die Sonne bringt's nicht an den Tag