Die Sinnende
1917Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben Eine kleine Weile ob der Welt. Wenn ich tot bin, mag es mich noch geben Irgendwo an Zäunen hinterm Feld. Doch ich werde bald verlorengehn, Wie das Wasser fließt aus narbigem Krug, Wie geheim verwirkte Gabe der Feen Und ein Wölkchen Rauch am rasenden Zug.
Wenn ich tot bin, sinken Herz und Lende, Weicht, was mich gehalten und bewegt, Und allein die offnen, stillen Hände Sind, ein Fremdes, neben mich gelegt. Und um meine Stirn wird’s sein Wie vor Tag, wenn ein Höhlenmund Sterne fängt Und aus des Lichtgewölbs Schattenstein Graues Tuch die riesigen Falten hängt.
Wenn ich sterbe, will ich einmal rasten, Mein Gesicht nach innen drehn Und es schließen wie den Bilderkasten, Wenn das Kind zuviel gesehn, Und dann schlafen gut und dicht, Da ich zittrig noch hingestellt, Was ich war: ein wächsernes Licht Für das Wachen zur zweiten Welt.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Sinnende" von Gertrud Kolmar thematisiert die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Endlichkeit des eigenen Daseins. Die lyrische Ich-Figur reflektiert über den Tod und die Auflösung der eigenen Identität. Es wird ein Bild von der Vergänglichkeit gezeichnet, das den Tod als einen Prozess des Vergehens und Verschwindens beschreibt. Im ersten Teil des Gedichts wird der Tod als ein Übergang in die Vergessenheit dargestellt. Der Name der Sprecherin wird nur noch kurz in der Welt verweilen, bevor er in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Die Vergänglichkeit wird mit Bildern wie fließendem Wasser, geheimnisvollen Feengaben und Rauch eines vorbeifahrenden Zuges verglichen. Diese Metaphern unterstreichen die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Lebens. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Tod als ein Zustand der Ruhe und des Innehaltens beschrieben. Die Sprecherin sehnt sich danach, ihr Gesicht nach innen zu wenden und die Erinnerungen zu verschließen, wie ein Kind, das zu viel gesehen hat. Der Tod wird als ein Schlafen in der Dunkelheit dargestellt, ein Zustand der Stille und des Vergessens. Die Sprecherin vergleicht sich selbst mit einem wächsernen Licht, das für das Wachen in der "zweiten Welt" bestimmt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Was ich war: ein wächsernes Licht für das Wachen zur zweiten Welt
- Personifikation
- Wenn ich tot bin, mag es mich noch geben
- Vergleich
- Und es schließen wie den Bilderkasten