Die seligen Inseln
1897Wild war von der Parteien Hader Das weite Römerreich entbrannt; Fort trugen Heere, Schiffsgeschwader Den Bürgerkrieg von Land zu Land; Vergebens in Iberien suchte Vor all dem Unheil, dem er fluchte, Sertorius einen Zufluchtsort; Schon nahten durch des Ostens Meere Toddrohend ihm Pompejus′ Heere, Und um ihn lauerte der Mord.
Einst am bemoosten Felsenhange, An dem die Flut sich schäumend brach, Saß er und sah dem Untergange Der glüh′nden Sonne träumend nach. Da siehe! plötzlich vor ihm standen In leichten flatternden Gewanden Zwei junge Schiffer, fremd von Tracht, Und: »Niemals sah ich euresgleichen« - Rief er erstaunt - »aus welchen Reichen, Von welchen Küsten bringt ihr Fracht?«
Sodann die zwei: »O Herr, wir schifften Von weitentlegnen Inseln her; Grün sind dort immerdar die Triften, Von Früchten stets die Aeste schwer; Wenn ringsumher die Stürme wüten, Dort schüttelt von den duft′gen Blüten Ein sanfter Westwind kaum den Tau, Und über grünen Laubenhallen, Voll von Gesang der Nachtigallen, Lacht immer klar des Himmels Blau.
Froh atmen dort die Atlantiden, Wie in der alten goldnen Zeit; Nie drang in ihren tiefen Frieden Ein Ton von euerm Zwist und Streit; Ihr Leben ist ein süßes Träumen Auf Felshöhn bei der Meerflut Schäumen Und in der Grotten Dämmerlicht, Indessen in dem Wogenschlage Sich fernehin der Erde Klage Verhallend an den Klippen bricht.«
Sertorius ruft bei ihrer Rede: »O Inseln, wer doch sorgenfrei Auf euch der ew′gen Bürgerfehde Entflöhe und der Tyrannei! Ich, den selbst hier jenseits von Calpe, Ja auf Helvetiens höchster Alpe Der rauhe Mars nicht ruhen läßt: Wär′ es der hohen Götter Wille, Auf euch in Frieden und in Stille Verlebt′ ich meiner Tage Rest.«
Drauf sie: »An des August Kalenden, So that uns ein Orakel kund, Läßt glücklich sich die Fahrt vollenden, Vertraue denn dem Göttermund! An jenem Tag, wenn aus den Wogen Der Vollmond steigt am Himmelsbogen, Verlaß auf unserm Boot dies Land, Und, was dein Wunsch, wird dir beschieden; Wir führen zum ersehnten Frieden Dich an der sel′gen Inseln Strand.«
Die Schiffer so, indem sie scheiden; Und, ohne daß es wer gewahrt, Bereitet nach dem Wort der beiden Sertorius sich für die Fahrt. Sofort die Küste der Iberer Verließ′ er gern, da schwer und schwerer Schon über ihm das Wetter grollt; Verrat bedroht ihn allerorten, Und selbst in seines Heers Kohorten Wirbt Mörder des Pompejus Gold.
Drauf an des Monats erstem Tage War er im festgeschmückten Zelt Mit den Genossen beim Gelage Voll Frohsinn einmal noch gesellt. Reich quoll aus prächtigen Amphoren Der Wein, den Spaniens Glut gegoren, Und keiner ahnte den Entschluß; Doch, als der Abend niedertaute, Ward einer, dem er ganz vertraute, Von ihm entsendet, Manlius.
Hinab ans Ufer eilt der Knabe, Geheim den Schiffern kund zu thun, Bereitet für die Abfahrt habe Sich Spaniens Heergebieter nun. Allein am Strand, am Felsenhange, Sucht er umsonst die beiden lange; Die eine Antwort wird ihm nur: »Dir träumte wohl! An unsern Küsten Gewahrte keiner, daß wir wüßten, Von solchen Schiffern eine Spur.«
Heim dann zum Zelte kam der Bote, Und sieh! am Boden liegend fand Er den Sertorius bleich wie Tote, Erdolcht von der Verschwörer Hand! Hernieder durch der Zeltwand Spalte Fiel auf sein Angesicht, das kalte, Vom Meere her des Vollmonds Schein. Erfüllt war ihm der Götter Wille; Zu Frieden ging er und zu Stille An des August Kalenden ein.
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Interpretation
Das Gedicht "Die seligen Inseln" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die tragische Geschichte des römischen Generals Sertorius, der in den Bürgerkriegen des römischen Reichs gefangen ist. In seiner Verzweiflung träumt er von den seligen Inseln, einem mythischen Ort der ewigen Jugend und des Friedens. Zwei geheimnisvolle Schiffer versprechen ihm, ihn an diesen Ort zu bringen, doch es stellt sich heraus, dass es sich um eine Täuschung handelt. Am Ende wird Sertorius von seinen eigenen Leuten ermordet, und sein Tod wird als Erfüllung des göttlichen Willens dargestellt. Das Gedicht ist in vier Strophen unterteilt, die jeweils einen bestimmten Teil der Geschichte erzählen. Die erste Strophe schildert die politische Situation in Rom und Sertorius' Verzweiflung. Die zweite Strophe beschreibt seine Begegnung mit den beiden Schifffern und ihre Beschreibung der seligen Inseln. Die dritte Strophe zeigt Sertorius' Sehnsucht nach Frieden und seine Bereitschaft, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Die vierte Strophe endet mit seinem Tod und der Erkenntnis, dass er nie die seligen Inseln erreichen wird. Das Gedicht ist voller Symbolik und Anspielungen auf die antike Mythologie. Die seligen Inseln sind ein wiederkehrendes Motiv in der Literatur und stehen für einen Ort der ewigen Jugend und des Friedens. Die beiden Schifffern könnten als Boten der Götter oder als Verkörperung von Sertorius' eigener Sehnsucht interpretiert werden. Der Vollmond am Ende des Gedichts symbolisiert den Abschluss von Sertorius' Leben und seine Aufnahme in die Welt der Toten. Insgesamt ist "Die seligen Inseln" ein tiefgründiges und bewegendes Gedicht, das sich mit den Themen Krieg, Frieden, Sehnsucht und Tod auseinandersetzt. Es zeigt die menschliche Verletzlichkeit und die Unmöglichkeit, dem Schicksal zu entkommen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und, was dein Wunsch, wird dir beschieden
- Bildsprache
- Fort trugen Heere, Schiffsgeschwader den Bürgerkrieg von Land zu Land
- Hyperbel
- Ja auf Helvetiens höchster Alpe der rauhe Mars nicht ruhen läßt
- Kontrast
- Wenn ringsumher die Stürme wüten, dort schüttelt von den duftigen Blüten ein sanfter Westwind kaum den Tau
- Metapher
- Vertraue denn dem Göttermund
- Personifikation
- Nie drang in ihren tiefen Frieden ein Ton von euerm Zwist und Streit
- Symbolik
- Zu Frieden ging er und zu Stille an des August Kalenden ein