Die Sekunde
1830Ich meß nach der Dauer das Leben, Berechnet nach Jahren die Zeit, Ich zähle nicht Tag und nicht Stunde, Ich hab’ in einer Sekunde Durchlebt die Ewigkeit.
Viel Jahre zogen vorüber Und ließen die Seele mir leer, Es blieb von keinem mir Kunde. Die eine, die eine Sekunde, Vergess’ ich nimmermehr.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Sekunde" von Marie von Ebner-Eschenbach beschreibt die subjektive Erfahrung von Zeit und Leben. Die lyrische Ich-Figur misst das Leben nach seiner Dauer und berechnet die Zeit in Jahren, doch die eigentliche Bedeutung des Lebens liegt nicht in der Quantität der Zeit, sondern in einem einzigen, intensiven Augenblick. In einer Sekunde erlebt die Sprecherin eine Ewigkeit, die tiefere Erkenntnisse und Gefühle birgt als Jahre des Alltagslebens. Die zweite Strophe verdeutlicht den Kontrast zwischen den vergangenen Jahren, die die Seele leer ließen und von denen keine Kunde geblieben ist, und der einen, unvergesslichen Sekunde. Die Wiederholung von "die eine, die eine Sekunde" betont die Einzigartigkeit und Unvergesslichkeit dieses Augenblicks. Die Jahre verlieren an Bedeutung, da sie keine bleibenden Eindrücke hinterlassen haben, während die Sekunde einen tiefen Eindruck hinterlässt, der nicht vergessen werden kann. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass das Leben nicht in seiner Länge, sondern in seiner Tiefe gemessen werden sollte. Ein einziger, intensiver Moment kann mehr bedeuten als ein ganzes Leben voller Routine und Oberflächlichkeit. Die Sekunde steht symbolisch für einen prägenden Augenblick, der die Seele berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die lyrische Figur hat in diesem Moment eine Art Erleuchtung oder Offenbarung erfahren, die ihr Verständnis vom Leben und der Zeit grundlegend verändert hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Die Sekunde" die subjektive Wahrnehmung von Zeit und die Bedeutung von intensiven Erlebnissen thematisiert. Das Gedicht fordert dazu auf, die Qualität des Lebens zu hinterfragen und sich auf die Momente zu konzentrieren, die wirklich zählen. Es ist eine poetische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und der Vergänglichkeit der Zeit, die zum Nachdenken über die eigene Lebensgestaltung anregt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tag und nicht Stunde
- Gegenüberstellung
- Ich meß nach der Dauer das Leben, Berechnet nach Jahren die Zeit
- Hyperbel
- Vergess' ich nimmermehr
- Metapher
- Ich hab' in einer Sekunde Durchlebt die Ewigkeit.
- Personifikation
- Viel Jahre zogen vorüber