Die seeligen Augenblike
1782an Laura.
Laura, über diese Welt zu flüchten Wähn ich - mich in Himmelmaienglanz zu lichten Wenn dein Blik in meine Blike flimmt, Ätherlüfte träum’ ich einzusaugen, Wenn mein Bild in deiner sanften Augen Himmelblauem Spiegel schwimmt; -
Leyerklang aus Paradises Fernen, Harfenschwung aus angenehmern Sternen Ras’ ich in mein trunken Ohr zu ziehn, Meine Muse fühlt die Schäferstunde, Wenn von deinem wollustheißem Munde Silbertöne ungern fliehn; -
Amoretten seh ich Flügel schwingen, Hinter dir die trunknen Fichten springen Wie von Orpheus Saitenruf belebt, Rascher rollen um mich her die Pole, Wenn im Wirbeltanze deine Sole Flüchtig wie die Welle schwebt; -
Deine Blike - wenn sie Liebe lächeln, Könnten Leben durch den Marmor fächeln, Felsenadern Pulse leihn, Träume werden um mich her zu Wesen, Kann ich nur in deinen Augen lesen: Laura, Laura mein! -
Wenn dann, wie gehoben aus den Achsen Zwei Gestirn, in Körper Körper wachsen, Mund an Mund gewurzelt brennt, Wollustfunken aus den Augen regnen, Seelen wie entbunden sich begegnen In des Athems Flammenwind, - - -
Qualentzüken - - Paradisesschmerzen! - - Wilder flutet zum beklommnen Herzen, Wie Gewapnete zur Schlacht, das Blut, Die Natur, der Endlichkeit vergessen, Wagts mit höhern Wesen sich zu messen, Schwindelt ob der acherontschen Flut.
Eine Pause drohet hier den Sinnen, Schwarzes Dunkel jagt den Tag von hinnen, Nacht verschlingt den Quell des Lichts - Leises . . Murmeln . . . dumpfer . . hin . . verloren . . Stirbt . . . allmählig . . in den trunknen . . . Ohren . . . Und die Welt ist . . . . Nichts . . . .
Ach, vielleicht verpraßte tausend Monde Laura, die Elisiumssekunde, All begraben in dem schmalen Raum; Weggewirbelt von der Todeswonne, Landen wir an einer andern Sonne, Laura! und es war ein Traum.
O daß doch der Flügel Chronos harrte, Hingebannt ob dieser Gruppe starrte Wie ein Marmorbild - - die Zeit! Aber ach! ins Meer des Todes jagen Wellen Wellen - über dieser Wonne schlagen Schon die Strudel der Vergessenheit.
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Interpretation
Das Gedicht "Die seeligen Augenblike" von Friedrich von Schiller handelt von der tiefen Verliebtheit des lyrischen Ichs in Laura. Es beschreibt die intensiven Gefühle und die Verklärung der Geliebten, die das Ich in eine Art Rauschzustand versetzt. Die Natur und das Universum werden als Spiegel der inneren Empfindungen dargestellt, wobei die Liebe zu Laura als ein himmlisches, fast göttliches Erlebnis beschrieben wird. Die Sprache ist reich an Metaphern und Anspielungen auf die antike Mythologie, wie etwa die Erwähnung von Orpheus oder Amoretten. Die Stimmung wechselt zwischen ekstatischer Verzückung und einem Hauch von Melancholie, besonders am Ende, wo die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens thematisiert wird. Das Gedicht endet mit einem resignativen Ton, der die Unausweichlichkeit des Vergessens und des Todes betont. Insgesamt ist das Gedicht ein Ausdruck der romantischen Sehnsucht nach dem Unendlichen und dem Ewigen, das in der Liebe zu Laura nur für einen kurzen, seeligen Augenblick erreicht zu werden scheint.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Silbertöne ungern fliehn
- Anapher
- Laura, Laura mein!
- Assonanz
- Wollustfunken aus den Augen regnen
- Enjambement
- Wilder flutet zum beklommnen Herzen, / Wie Gewapnete zur Schlacht, das Blut
- Hyperbel
- Könnten Leben durch den Marmor fächeln
- Metapher
- Ätherlüfte träum’ ich einzusaugen
- Personifikation
- Die Natur, der Endlichkeit vergessen
- Symbolik
- Flügel Chronos
- Synästhesie
- Leyerklang aus Paradises Fernen
- Vergleich
- Wie von Orpheus Saitenruf belebt