Die sechste Stunde des Abends

Gabriele von Baumberg

1768

Die Stunde, der ich sehnsuchtsvoll Den ganzen Tag entgegen blickte, Und die zur Göttin mich entzückte, Wenn mir ihr letzter Schlag erscholl,

Die schlägt nun nicht für mich und Ihn Zum Wiedersehn das Losungszeichen: Und matt, wie welke Kranke, schleichen Die traurigen Minuten hin,

Doch selbst in dieser Einsamkeit, Dem Liebesgram so angemessen, Sey (hättest du mich auch vergessen) Dies Liedchen dennoch dir geweiht.

So fern du meinen Blicken bist, So nahe bist du diesem Herzen, So gegenwärtig, dass der Schmerzen Der Trennung nur ein Traum noch ist.

Du holde Göttinn, Phantasie, Trägt mich auf ihrem raschen Flügel Schnell über Wald und Thal und Hügel, Und so – vermiss ich dich fast nie.

Was mir des Schicksals Macht entreisst, Kann mein Gedankenflug ereilen. Was ist ein Zwischenraum von Meilen? - Kaum eine Spanne für den Geist.

Gleich deinem Schatten folgt er dir Zum Freudenfest, zur niedern Hütte, Und in der Assembleen Mitte, Und spricht ein leises Wort von mir.

Selbst dann, wann du dich ungesehn In deinem Stübchen einsam glaubest, Und dir durch Wahn die Ruhe raubest, Umgiebt er dich mit leisem Wehn.

Du wähnst dann, das Verdienst sey dein, Und hältst es für Erinnerungen. Das magst du! wenn’s ihm nur gelungen, Mein Angedenken zu erneun.

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Illustration zu Die sechste Stunde des Abends

Interpretation

Das Gedicht "Die sechste Stunde des Abends" von Gabriele von Baumberg thematisiert die Sehnsucht und die Kraft der Phantasie. Die sechste Stunde des Abends, die der lyrischen Ich als heilig und voller Hoffnung auf Wiedersehen mit dem Geliebten empfand, schlägt nun ohne ihn. Die Zeit schleicht träge vorbei, doch in der Einsamkeit des Liebeskummers findet das Ich Trost in der Phantasie. Diese wird als Göttin verehrt, die das Ich auf ihren Flügeln schnell über Entfernungen trägt und so die Trennung erträglich macht. Die Phantasie ermöglicht es dem lyrischen Ich, den Geliebten trotz physischer Abwesenheit nahe zu sein. Sie überwindet die räumliche Distanz, sodass die Trennung nur noch ein Traum ist. Die Gedanken des Ich folgen dem Geliebten überall hin, sei es zu Festen, in bescheidene Hütten oder inmitten von Versammlungen. Selbst in den einsamen Momenten des Geliebten, wenn er glaubt, unbeobachtet zu sein, umgibt die Phantasie ihn mit einem sanften Hauch. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass die Phantasie erfolgreich war, die Erinnerung an das lyrische Ich im Herzen des Geliebten zu erneuern. Obwohl das Ich von ihm vergessen sein könnte, hat es diesem Lied seine Gefühle geweiht. Die Phantasie wird somit als tröstende und verbindende Kraft dargestellt, die die physische Trennung überwindet und die Liebe am Leben erhält.

Schlüsselwörter

selbst sey stunde sehnsuchtsvoll ganzen tag entgegen blickte

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Stilmittel

Anapher
So fern... So nahe... So gegenwärtig
Apostrophe
Du holde Göttinn, Phantasie
Bildsprache
Über Wald und Thal und Hügel
Hyperbel
Kaum eine Spanne für den Geist
Ironie
Das magst du! wenn's ihm nur gelungen
Kontrast
So fern... So nahe
Metapher
Die Stunde zur Göttin
Personifikation
Die traurigen Minuten schleichen
Symbolik
Das Liedchen als Ausdruck der Liebe
Vergleich
Matt, wie welke Kranke