Die Schwaben im Winkel

Gustav Benjamin Schwab

1829

“Die süddeutschen Dichter, welche im schwäbischen Winkel sitzen.”

Kommt her, die ihr mit feinen Witzen, Mit Nadelspitzen euch bewehrt! Die Schwaben, “die im Winkel sitzen,” Erwarten euch am frommen Herd!

Kennt ihr auch wohl den schnöden Winkel, Das düstre Haus, das uns umzirkt? - Smaragdnes Weinlaub, goldner Dinkel Hat Wand und Estrich ihm durchwirkt.

Und wenn der Flocken trüb Gewimmel Noch lang verfinstert eure Luft, Spannt schon ein frühlingsblauer Himmel Sein Dach aus über Blütenduft.

Die Donau spielt auf unsrer Schwelle, Der Jüngling Rhein träumt schon vom Strand; Der Dichtung volle Wunderquelle Schießt auf und eilt ins deutsche Land.

Stromgötter tauchen aus den Fluten, Der Sänger und der Seher naht, Im Munde Klang, im Auge Gluten; Nicht Winkelzüge sind sein Pfad:

Hier Schiller, mit der Donnerstirne, Durch dessen Wort das Schicksal braust - Er stieß das Puppenvolk am Zwirne Von eurer Szene mit der Faust;

Dort Hölderlin - zu breiter Mündung Er, Pindars Bruderstrom, entwallt; Hier Schelling, dessen Lichtverkündung Dem dunklen Ungrund gab Gestalt;

Dort Uhland - sein Gemüt versunken In tiefer Zeiten heil′ges Lied - Ein Schwan, des Ton, gehöhnt von Unken, Hoch über Land und Meere zieht.

Aus diesem Winkel schritt auch Hegel, Verdeckter Blöße stolzer Schild, Von dessen Blut manch dürft′ger Egel, Für Augenblicke trunken, schwillt.

Nicht spotten sollt ihr unsres Strebens: Auch unser Strahl entsprang dem Quell, Dem keuschen Born des Dichterlebens, Und lauter will er bleiben, hell.

Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit, Groß war sie, frech, zu jeder Zeit; Das Gute bleibt an Zahl die Kleinheit, Und ihr, ihr scheltet′s “Kleinlichkeit?”

Heißt kleinlich der euch, der die Gruben Unsaubern Lügentrödels scheut, Nicht seine Hand dem Lotterbuben, Dem feilen Museheuchler beut?

So mag, wer will, im Sumpfe spritzen Bei aller Frösche grüner Brut; Wir Schwaben, “die im Winkel sitzen,” Wir tauchen uns in reine Flut;

Wir schwingen uns, wie unsre Seher, Die Adler, auf zu Sonn′ und Blitz; Werft uns ins Blaue nach, ihr Schmäher, Den Distelblumenstaub, als Witz!

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Illustration zu Die Schwaben im Winkel

Interpretation

Das Gedicht "Die Schwaben im Winkel" von Gustav Benjamin Schwab ist eine leidenschaftliche Verteidigung der süddeutschen Dichter, die oft als isoliert und provinziell abgetan werden. Schwab nutzt das Bild des "Winkels", um die geografische und kulturelle Enge zu symbolisieren, in der diese Dichter arbeiten. Doch er verwandelt diese Enge in einen Ort der Inspiration und des Reichtums, wo die Natur und die Geschichte eine fruchtbare Grundlage für künstlerisches Schaffen bieten. Der Dichter betont die tiefe Verbundenheit der schwäbischen Dichter mit ihrer Heimat und ihrer Kultur. Er erwähnt berühmte Persönlichkeiten wie Schiller, Hölderlin, Schelling und Uhland, die aus dieser Region stammen und die deutsche Literatur maßgeblich geprägt haben. Schwab stellt diese Dichter als Träger von Licht und Erkenntnis dar, die über die Grenzen ihres "Winkels" hinauswirken und das deutsche Land mit ihrer Dichtung bereichern. Schwab fordert die Kritiker auf, die schwäbischen Dichter nicht zu unterschätzen oder zu verspotten. Er argumentiert, dass die wahre Qualität und Reinheit der Dichtung in der Treue zum eigenen künstlerischen Ideal liegt, unabhängig von der Größe des Einflussbereichs. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Integrität und zum Streben nach dem Höchsten, symbolisiert durch den Adler, der sich in die Sonne und den Blitz erhebt. Schwab fordert die Dichter auf, sich von der "reinen Flut" inspirieren zu lassen und sich von der "Grünen Brut" des Sumpfes fernzuhalten, um ihre Kunst rein und hell zu erhalten.

Schlüsselwörter

winkel sitzen dessen schwaben land tauchen seher will

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Stilmittel

Alliteration
[feinen Witzen mit der Donnerstirne Schiller, mit der Donnerstirne zu breiter Mündung Verdeckter Blöße stolzer Schild Dichterlebens Groß war sie, frech Lotterbuben, Dem feilen Museheuchler Sonn′ und Blitz]
Anapher
[Hier Schiller Dort Hölderlin Hier Schelling Dort Uhland]
Hyperbel
[Der Dichtung volle Wunderquelle Schießt auf und eilt ins deutsche Land Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit]
Kontrast
[Smaragdnes Weinlaub, goldner Dinkel Hat Wand und Estrich ihm durchwirkt Und wenn der Flocken trüb Gewimmel Noch lang verfinstert eure Luft, Spannt schon ein frühlingsblauer Himmel Sein Dach aus über Blütenduft Das Gute bleibt an Zahl die Kleinheit, Und ihr, ihr scheltet′s 'Kleinlichkeit?' Auch unser Strahl entsprang dem Quell, Dem keuschen Born des Dichterlebens Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit, Groß war sie, frech, zu jeder Zeit; Das Gute bleibt an Zahl die Kleinheit]
Metapher
[Die süddeutschen Dichter, welche im schwäbischen Winkel sitzen Smaragdnes Weinlaub, goldner Dinkel Hat Wand und Estrich ihm durchwirkt Die Donau spielt auf unsrer Schwelle Der Jüngling Rhein träumt schon vom Strand Stromgötter tauchen aus den Fluten Schiller, mit der Donnerstirne Hölderlin - zu breiter Mündung Er, Pindars Bruderstrom, entwallt Schelling, dessen Lichtverkündung Dem dunklen Ungrund gab Gestalt Uhland - sein Gemüt versunken In tiefer Zeiten heil′ges Lied - Ein Schwan, des Ton, gehöhnt von Unken, Hoch über Land und Meere zieht Hegel, Verdeckter Blöße stolzer Schild Auch unser Strahl entsprang dem Quell, Dem keuschen Born des Dichterlebens Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit wer will, im Sumpfe spritzen Bei aller Frösche grüner Brut Wir schwingen uns, wie unsre Seher, Die Adler, auf zu Sonn′ und Blitz]
Metonymie
[mit feinen Witzen, Mit Nadelspitzen euch bewehrt Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit Den Distelblumenstaub, als Witz]
Personifikation
[Die Donau spielt auf unsrer Schwelle Der Jüngling Rhein träumt schon vom Strand Stromgötter tauchen aus den Fluten der Seher naht Durch dessen Wort das Schicksal braust Hölderlin - zu breiter Mündung Er, Pindars Bruderstrom, entwallt Schelling, dessen Lichtverkündung Dem dunklen Ungrund gab Gestalt Uhland - sein Gemüt versunken In tiefer Zeiten heil′ges Lied Den weiten Erdkreis füllt Gemeinheit wer will, im Sumpfe spritzen Bei aller Frösche grüner Brut]