Die Schusterin
1890Es war einmal eines Schusters Frau, Ein wunderschönes Weib, Die liebte die feinen Herren Zum schönsten Zeitvertreib.
Maß einem edlen Grafen Der Schuster Schuhe an, So stand sie dicht daneben Und lächelte ihn an.
Im Garten steht eine Laube, Es zwitschert die Nachtigall. Dort traf sie nachts im Dunkeln Die Kavaliere all.
Ihr Haar flog wild im Winde, Der Mond verkroch sich sacht. Sie liebte in ihrer Sünde Sieben in einer Nacht.
Und als die Sonne aufging, Der Schuster trat hervor, Blaß wie der bleiche Vollmond Und schwankend wie ein Rohr.
»Ich will meine Schande nicht sehen mehr Und mein zerfallenes Haus…« Er hob den Schusterpfriemen Und stach sich die Augen aus.
Die Schusterin fiel in Ohnmacht, Und als sie lallend erwacht, Da haben zwei schwarze Männer sie Ins Irrenhaus gebracht.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Schusterin" von Klabund erzählt die tragische Geschichte einer Frau, die ihre ehelichen Pflichten vernachlässigt und stattdessen ein ausschweifendes Leben führt. Die Schusterin wird als wunderschön und verführerisch beschrieben, die es liebt, die feinen Herren zu umgarnen und zu verführen. Sie nutzt ihre Anziehungskraft, um sich mit den Kavalieren zu treffen und ihre Lust zu befriedigen. Die zweite Strophe verdeutlicht die Doppelmoral der Zeit, indem sie beschreibt, wie die Schusterin einem Grafen Schuhe anmisst und dabei dicht bei ihm steht und ihn anlächelt. Dies deutet auf eine sexuelle Spannung und Verführbarkeit hin. Die dritte Strophe zeigt, wie die Schusterin im Garten eine Laube aufsucht, um sich mit den Kavalieren zu treffen. Die Nachtigall symbolisiert die Lust und Leidenschaft, die in der Dunkelheit ausgelebt wird. Die vierte Strophe beschreibt die Exzesse der Schusterin, die in einer Nacht sieben Liebhaber hat. Ihr wildes Haar und der zurückgezogene Mond unterstreichen die Ausschweifung und die moralische Verderbtheit. Die fünfte Strophe zeigt die Konsequenzen des Handelns der Schusterin. Als die Sonne aufgeht und der Schuster nach Hause kommt, ist er bleich und schwankend wie ein Rohr. Er kann die Schande seiner Frau und das zerfallene Haus nicht mehr ertragen und sticht sich die Augen aus. Die Schusterin fällt in Ohnmacht und wird schließlich in eine Anstalt gebracht, was das Ende ihrer ausschweifenden Lebensweise symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Im Garten steht eine Laube, Es zwitschert die Nachtigall
- Hyperbel
- Sie liebte in ihrer Sünde Sieben in einer Nacht
- Ironie
- Die Schusterin fiel in Ohnmacht, Und als sie lallend erwacht, Da haben zwei schwarze Männer sie Ins Irrenhaus gebracht
- Metapher
- Blaß wie der bleiche Vollmond
- Personifikation
- Der Mond verkroch sich sacht
- Reimschema
- AABB in den meisten Strophen
- Symbolik
- Der Schusterpfriemen als Werkzeug des Schusters, das zur Selbstverstümmelung verwendet wird
- Vergleich
- schwankend wie ein Rohr