Die Schriftstellerhymne

Frank Wedekind

1864

Der Schriftsteller geht dem Broterwerb nach, Mit ausgefransten Hosen. Er schläft sieben Treppen hoch unterm Dach, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

Ist irgendwer gegen sein Schicksal erbost, Mit ausgefransten Hosen, Der Schriftsteller bringt auch dem Ärmsten noch Trost, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

Der König spricht nach, was ein Schriftsteller schrieb, Mit ausgefransten Hosen. Dem Volk ist er fast wie sein König so lieb, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller ragt zu den Sternen empor, Mit ausgefransten Hosen. Er raunt seiner Zeit ihre Wonnen ins Ohr, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller schafft am Webstuhl der Zeit, Mit ausgefransten Hosen. So wirkt er der Gottheit lebendiges Kleid, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt, Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

Und trägt er die Schriftstellerei zu Grab, Mit ausgefransten Hosen, Gleich lösen ihn hundert Schriftsteller ab, Mit ausgefransten Hosen. Schöner, grüner, Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt, Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt, Mit ausgefransten Hosen.

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Illustration zu Die Schriftstellerhymne

Interpretation

Das Gedicht "Die Schriftstellerhymne" von Frank Wedekind ist eine ironische und kritische Auseinandersetzung mit dem Schicksal des Schriftstellers. Es beschreibt die Armut und den sozialen Abstieg, die oft mit dem Beruf des Schreibens einhergehen. Die wiederholte Erwähnung der "ausgefransten Hosen" symbolisiert die finanzielle Not und den Mangel an Anerkennung, die Schriftsteller oft erfahren. Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Bedeutung des Schriftstellers hervorgehoben. Trotz seiner bescheidenen Lebensumstände bietet er Trost für die Armen, beeinflusst die Gedanken des Königs und des Volkes und wirkt an der Gestaltung der Zeit mit. Der Schriftsteller wird als eine Art Vermittler zwischen den Menschen und der göttlichen Sphäre dargestellt, der durch seine Worte die "Wonnen" der Zeit in die Ohren der Menschen flüstert. Das Gedicht endet mit einer ambivalenten Aussage: Obwohl der Schriftsteller stirbt, werden ihn hundert andere Schriftsteller ablösen. Dies deutet auf die Kontinuität des Schreibens als Beruf und die ewige Wiederkehr des Schicksals des Schriftstellers hin. Die wiederkehrende Zeile über den "schönen, grünen Lorbeerzweig" könnte als ironische Anspielung auf den Ruhm und die Ehre verstanden werden, die dem Schriftsteller oft erst posthum zuteilwerden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Mit ausgefransten Hosen
Metapher
Webstuhl der Zeit
Personifikation
Schriftsteller ragt zu den Sternen empor
Symbolik
Schöner, grüner Lorbeerzweig
Wiederholung
Mit ausgefransten Hosen