Die Schnitterin

Gustav Falke

1853

War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, Der hatte sich schwer vergangen. Da sprach sein Herr: “Du bekommst deinen Lohn, Morgen musst du hangen.”

Als das seiner Mutter kund getan, Auf die Erde fiel sie mit Schreien: “O, lieber Herr Graf, und hört mich an, Er ist der letzte von dreien.

Den ersten schluckte die schwarze See, Seinen Vater schon musste sie haben, Dem andern haben in Schonens Schnee Eure schwedischen Feinde begraben.

Und lasst ihr mir den letzten nicht Und hat er sich vergangen, Lasst meines Alters Trost und Licht Nicht schmählich am Galgen hangen!”

Die Sonne hell im Mittag stand, Der Graf sass hoch zu Pferde, Das jammernde Weib hielt sein Gewand Und schrie vor ihm auf der Erde.

Da rief er: “Gut, eh die Sonne geht, Kannst du drei Aecker mir schneiden, Drei Aecker Gerste, dein Sohn besteht, Den Tod soll er nicht leiden.”

So trieb er Spott, hart gelaunt, Und ist seines Weges geritten. Am Abend aber, der Strenge staunt, Drei Aecker waren geschnitten.

Was stolz im Halm stand über Tag, Sank hin, er musst es schon glauben. Und dort, was war′s, was am Feldrain lag? Sein Schimmel stieg mit Schnauben.

Drei Aecker Gerste, ums Abendrot, Lagen in breiten Schwaden, Daneben die Mutter, und die war tot. So kam der Knecht zu Gnaden.

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Illustration zu Die Schnitterin

Interpretation

Das Gedicht "Die Schnitterin" von Gustav Falke erzählt die tragische Geschichte eines Knechts, der sich schwer vergangen hat und zum Tode verurteilt wird. Die Mutter des Knechts fleht den Grafen an, ihren Sohn zu verschonen, da er der letzte ihrer drei Söhne ist. Der Graf macht sich über die Mutter lustig und fordert sie auf, drei Äcker Gerste zu mähen, bevor die Sonne untergeht, um das Leben ihres Sohnes zu retten. Die Mutter, getrieben von Verzweiflung und Liebe zu ihrem Sohn, schafft das unmögliche Werk und mäht die drei Äcker Gerste noch vor Sonnenuntergang. Doch als der Knecht am Abend zurückkehrt, findet er seine Mutter tot neben den gemähten Äckern. So kommt der Knecht zwar zu Gnaden, doch der Preis dafür ist der Tod seiner Mutter. Das Gedicht thematisiert die Grausamkeit und Willkür der Herrschenden sowie die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Es zeigt auch die Sinnlosigkeit von Gewalt und Bestrafung, da der Knecht zwar verschont wird, aber seine Mutter dafür ihr Leben lassen muss. Die Sprache des Gedichts ist eindringlich und emotional, und die Bilder von der mähenden Mutter und den gemähten Äckern bleiben lange im Gedächtnis des Lesers.

Schlüsselwörter

drei aecker knecht sohn vergangen herr musst hangen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Schnauben, Schwaden
Anapher
Den ersten... Den andern... Den letzten
Bildsprache
schluckte die schwarze See
Kontrast
stolz im Halm stand über Tag... Sank hin
Metapher
schluckte die schwarze See
Personifikation
schluckte die schwarze See
Wiederholung
Den ersten... Den andern... Den letzten