Die Schmiede

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Wie kann der alte Apfelbaum So lockre Früchte tragen, Wo Mistelbüsch′ und Mooses Flaum Aus jeder Ritze ragen?

Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz In einem Ammenmärchen, Die eine Seite voll Gespinns, Wurmfraß und Flockenhärchen,

Langt mit der andern, üppig rot, Er in die Funkenreigen, Die knatternd aus der Schmiede Schlot Wie Sternraketen steigen;

Ein zweiter Scävola hält Jahr Auf Jahr er seine Rechte Der Glut entgegen, die kein Haar Zu sengen sich erfrechte.

Und drunten geht es Pink und Pank, Man hört die Flamme pfeifen, Es keucht der Balg aus hohler Flank′ Und bildet Aschenstreifen;

Die Kohle knallt und drüber dicht, Mit Augen wie Pyropen, Beugt sich das grimmige Gesicht Des rußigen Zyklopen.

Er hält das Eisen in die Glut Wie eine arme Seele, Es knackt und spritzet Funkenblut Und dunstet blaue Schwele.

Dann auf dem Amboß, Schlag an Schlag, Läßt es sein Weh erklingen, Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach Es kreucht zu Hufes Ringen.

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Illustration zu Die Schmiede

Interpretation

Das Gedicht "Die Schmiede" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt eindrucksvoll die Atmosphäre und das Geschehen in einer Schmiede. Der alte Apfelbaum vor der Schmiede dient als symbolischer Kontrast zur lebhaften und kraftvollen Arbeit im Inneren. Während der Baum halb tot und halb lebendig erscheint, voller Moos und Wurmfraß, symbolisiert er die Vergänglichkeit der Natur. Im Gegensatz dazu steht die Schmiede, in der das Feuer und die Arbeit des Schmieds eine lebendige und kraftvolle Energie ausstrahlen. Im Inneren der Schmiede herrscht ein lebhaftes und intensives Treiben. Die Beschreibung der Flammen, die aus dem Schlot aufsteigen wie "Sternraketen", und die Geräusche des Blasebalgs und der Kohle schaffen eine dynamische und fast magische Atmosphäre. Der Schmied selbst wird als "zweiter Scävola" bezeichnet, was auf seine Ausdauer und Stärke hinweist, da er seine Hand der Hitze entgegenhält, ohne sich verbrennen zu lassen. Die Schmiede wird als ein Ort der Transformation und Schöpfung dargestellt, an dem das rohe Eisen durch Feuer und Hammerschläge in ein neues, geformtes Objekt überführt wird. Das Gedicht endet mit der Vorstellung des Eisens, das auf dem Amboß bearbeitet wird und schließlich zu einem Hufeisering geformt wird. Dieser Prozess wird als eine Art Qual oder Martyrium des Eisens beschrieben, das "Weh" empfindet und sich in "Zorn und Schmach" krümmt. Die Transformation des Eisens in ein Hufeisen symbolisiert die Verwandlung von etwas Rohem und Unbearbeitetem in ein nützliches und wertvolles Werkzeug. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Kraft und Schönheit der handwerklichen Arbeit, die im Kontrast zur Vergänglichkeit der Natur steht.

Schlüsselwörter

halb hält jahr glut schlag kann alte apfelbaum

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Stilmittel

Alliteration
[Pink und Pank Schlag an Schlag Zorn und Schmach]
Hyperbel
[Die knatternd aus der Schmiede Schlot / Wie Sternraketen steigen Mit Augen wie Pyropen]
Metapher
[Wie kann der alte Apfelbaum / So lockre Früchte tragen, / Wo Mistelbüsch′ und Mooses Flaum / Aus jeder Ritze ragen? Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz / In einem Ammenmärchen Er hält das Eisen in die Glut / Wie eine arme Seele Die Kohle knallt und drüber dicht, / Mit Augen wie Pyropen]
Onomatopoesie
[Pink und Pank Es knackt und spritzet Funkenblut Es keucht der Balg aus hohler Flank′]
Personifikation
[Die eine Seite voll Gespinns, / Wurmfraß und Flockenhärchen Ein zweiter Scävola hält Jahr / Auf Jahr er seine Rechte / Der Glut entgegen, die kein Haar / Zu sengen sich erfrechte Es knackt und spritzet Funkenblut / Und dunstet blaue Schwele Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach / Es kreucht zu Hufes Ringen]
Symbolik
[Wie kann der alte Apfelbaum / So lockre Früchte tragen Er hält das Eisen in die Glut / Wie eine arme Seele]
Vergleich
[Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz / In einem Ammenmärchen Er hält das Eisen in die Glut / Wie eine arme Seele Mit Augen wie Pyropen]