Die Schlafende

Edgar Allan Poe

1845

In tiefe Junimitternacht Der mystische Mond herniederwacht. Einschläfernde Nebel dunsten leise Heraus aus seinem goldnen Kreise Und triefen sanft wie Schlummerlieder Tropfen um Tropfen sachte nieder Auf Höhen, schimmernd wie Opal, Und in das allumfassende Tal. Auf einem Grab nickt Rosmarin, Träg lehnt die Lilie drüber hin. Von leerem Nebel überdacht Fault die Ruine hinein in Nacht. Wie Lethe sieh den Weiher ruhn, Scheint tiefen, tiefen Schlaf zu tun, Nicht um die Welt erwachte er nun. Alle Schönheit schläft! - und ach! wo liegt (Ihr Fenster den Himmeln geöffnet) - wo liegt Irene, vom Schicksal eingewiegt!

O Schönste! - ach! ich steh′ betroffen: Das Fenster weit dem Nachtwind offen? Die Lüfte fallen im Mondenschein Vom Baum herab durchs Gitter ein - Sie flüchten flüsternd wie Geisterschar Durch dein Gemach und stoßen gar Am Bett den bunten Baldachin So schaurig her, so schaurig hin Über des Auges geschlossene Glut, Darunter die schlummernde Seele ruht, Daß Schatten gleich Gespenstern weben Und Wand und Boden irr beleben. O liebe Dame, banget dir? Warum und was nur träumst du hier? Gewiß, du kamst von fernstem Meer, Ein Wunder, in diesen Garten her! Seltsam deine Blässe! Seltsam dein Kleid! Die Locken länger als jederzeit! Seltsam die düstere Feierlichkeit!

Sie schläft! Und wie sie dauernd ruht, So ruhe sie auch tief! Und gut Hab Himmel sie in heiliger Hut! Heiliger sie jetzt und der Raum, Schwermütiger sie als je ihr Traum. O Gott! laß nie ihren Schlaf vergehn, Ihr Auge nie sich öffnen und sehn, Indes die Gespenster vorüberwehn!

Meine Liebe, sie schläft! Wie dauernd sie ruht, So ruhe sie auch tief und gut; Leis krieche um sie die Würmerbrut! Mög fern im Forst, in Düster und Duft, Für sie sich auftun eine Gruft - Eine Gruft, die oft das schwarze Tor Aufwarf vor bangem Trauerchor, Triumphierend über den Wappenflor Der Toten aus ihrem erhabenen Hause - Eine Gruft, entlegen wie Einsiedlerklause, Deren Tor ihr einst beim kindlichen Spiel Für manchen Stein gedient als Ziel - Ein Grab, aus dessen tönendem Tor Sie nimmermehr zwingt ein Echo hervor, Das dröhnend dem Kind in die Ohren rollte, Als sei es der Tod, der da drinnen grollte.

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Illustration zu Die Schlafende

Interpretation

Das Gedicht "Die Schlafende" von Edgar Allan Poe beschreibt eine nächtliche Szenerie, in der die Protagonistin Irene in einem tiefen, fast schon todesähnlichen Schlaf liegt. Die Umgebung ist von mystischer Stimmung durchdrungen, mit einem goldenen Mond, der seine Schlummerlieder in Form von Tau tropfenweise auf die Landschaft niedersendet. Grabstätten, eine verfallene Ruine und ein Weiher, der wie der Fluss Lethe erscheint, verstärken die Atmosphäre von Tod und Vergänglichkeit. Die Szenerie ist von einer melancholischen Schönheit durchzogen, die den Leser in ihren Bann zieht. Irene wird als eine geheimnisvolle, fast überirdische Gestalt dargestellt. Ihr Erscheinen in diesem Garten wird als ein Wunder aus fernen Meeren beschrieben. Ihre Blässe, ihr seltsames Kleid und ihre langen Locken tragen zur rätselhaften Aura bei, die sie umgibt. Der Sprecher des Gedichts steht betroffen vor ihrem offenen Fenster und beobachtet, wie der Nachtwind durch ihr Gemach streicht und die Schatten an den Wänden tanzen. Es entsteht der Eindruck, als ob Irene in einem Zustand zwischen Leben und Tod schwebt, umgeben von einer düsteren Feierlichkeit. Der Sprecher wünscht sich, dass Irene für immer in ihrem tiefen Schlaf verharren möge, geschützt von Himmel und Gott. Er fürchtet den Moment, in dem sie erwachen und die umherwandernden Gespenster erblicken könnte. Die letzte Strophe des Gedichts nimmt eine düstere Wendung, als der Sprecher sich wünscht, dass Würmer um Irene kriechen und sich für sie eine Gruft im Wald auftue. Diese Gruft wird als ein Ort der Einsamkeit und des Todes beschrieben, ein Ort, an dem ein Echo einst den Tod selbst zu verkörpern schien. Das Gedicht endet mit einem verstörenden Bild von ewiger Ruhe und dem Verlust der kindlichen Unschuld.

Schlüsselwörter

schläft ruht seltsam gruft tor nebel tropfen grab

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Stilmittel

Alliteration
Am Bett den bunten Baldachin so schaurig her, so schaurig hin
Anapher
Meine Liebe, sie schläft! Wie dauernd sie ruht, so ruhe sie auch tief und gut
Apostrophe
O Gott! laß nie ihren Schlaf vergehn, ihr Auge nie sich öffnen und sehn
Frage
O liebe Dame, banget dir? Warum und was nur träumst du hier?
Hyperbel
Heiliger sie jetzt und der Raum, schwermütiger sie als je ihr Traum
Metapher
Das dröhnend dem Kind in die Ohren rollte, als sei es der Tod, der da drinnen grollte
Personifikation
Daß Schatten gleich Gespenstern weben und Wand und Boden irr beleben
Vergleich
Und triefen sanft wie Schlummerlieder Tropfen um Tropfen sachte nieder