Die Schläferin
1809Ich steh um Mitternacht allein Im mystisch weißen Mondenschein. Dem vollen goldenen Gestirne Entströmen feuchte Nebeldünste Und fallen auf die blauen Firne Wie silberweiße Lichtgespinste, Um sich von dort melodisch leise Und schläfrig langsam tropfenweise Wie bunte, schimmernde Juwelen In das entschlafne Tal zu stehlen. Vom Grabe winkt der Rosmarin Zu den schlaftrunknen Lilien hin. Die wankenden Ruinen raffen Erschauernd um die morschen Glieder Ihr Nebelkleid und sinken nieder, In alle Ewigkeit zu schlafen. Der See dort - Lethe ist nicht stummer Als er in seinem tiefen Schlummer. Es ruht das All. Die Zweige nicken Süß eingewiegt - wo aber liegt Irene mit ihren Geschicken?
O wundersame, bleichwangige Dame! Wie unbedacht: dies Fenster bei Nacht So offen den Gästen, die von den Ästen Mutwillig hüpfen, ins Zimmer schlüpfen; Den Winden, den losen, fürwitzigen Rangen, Die in den Gardinen sich lachend verfangen, Und sie so unbändig und so beständig Zerren und zausen dicht über den langen Seidenen Wimpern auf deinen Wangen, Daß über den Boden weg durch das Fenster die Schatten fallen wie schwarze Gespenster. O wundersame, bleichwangige Dame, Wo kommst du her? Wohl gar übers Meer?
Und sage, warum nur bist du so stumm? Ist dir wohl bang? Du bist so eigen, Dein Haar ist so lang, so seltsam dein Schweigen! Die Dame schläft. Oh, war so gut Ihr Schlummer, wie er lange währt! Der Himmel nehme sie in Hut. Mag sie auf ewig ungestört, In einem heiligeren Bette An melancholischerer Stätte, Wo sich Cypressen leise wiegen, Mit festgeschloss′nen Augen liegen.
Es schläft mein Lieb. Oh, daß so mild Ihr Schlummer, wie er ewig ist! Daß sich ihr eine Gruft erschließt In einem Walde, dicht und wild! Ein tiefes, ruhevolles Grab An einem stillen Ort, fernab - So eine fest verschloss′ne Gruft, Aus der sie fürder nichts mehr ruft, Die Reue nicht, die Buße nicht, Bis an das ewige Gericht.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Schläferin" von Edgar Allan Poe beschreibt eine nächtliche Szene, in der eine geheimnisvolle Frau in einem offenen Fenster schläft. Die Atmosphäre ist von einer mystischen, fast traumhaften Stimmung geprägt, in der sich die Natur und die Umgebung in einen tiefen Schlaf zu begeben scheinen. Die Sprecherin fragt sich, woher die Frau kommt und warum sie so still und eigen ist. Die zweite Strophe führt den Leser in das Zimmer der schlafenden Frau und beschreibt, wie der Wind und die Schatten durch das offene Fenster eindringen und die schlafende Gestalt umgeben. Die Frau wird als "wundersame, bleichwangige Dame" bezeichnet, was ihre geheimnisvolle und fast unnatürliche Erscheinung unterstreicht. In der dritten Strophe wünscht sich der Sprecher einen ewigen, friedlichen Schlaf für die Frau, der in einer Gruft in einem dichten, wilden Wald endet. Die letzte Strophe betont den Wunsch nach einem tiefen, ruhevollem Grab, aus dem die Frau nie wieder erwachen wird, bis zum "ewigen Gericht". Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung und thematisiert den Tod und die Unausweichlichkeit des endgültigen Schlafes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wankenden Ruinen raffen
- Anapher
- Die Reue nicht, die Buße nicht
- Bildsprache
- Und sage, warum nur bist du so stumm?
- Hyperbel
- In alle Ewigkeit zu schlafen
- Kontrast
- O wundersame, bleichwangige Dame! / Wie unbedacht: dies Fenster bei Nacht
- Metapher
- Dem vollen goldenen Gestirne / Entströmen feuchte Nebeldünste
- Personifikation
- Der See dort - Lethe ist nicht stummer / Als er in seinem tiefen Schlummer
- Rhythmus
- Es schläft mein Lieb. Oh, daß so mild / Ihr Schlummer, wie er ewig ist!
- Symbolik
- Der Rosmarin / Zu den schlaftrunknen Lilien hin
- Vergleich
- Wie silberweiße Lichtgespinste