Die Schifffahrt oder Die Geretteten
1788Es lächelt der Himmel, die Woge glänzt, Und rosig erglüht das Gestade, Von der lächelnden Hoffnung Blüthen umkränzt Betret′ ich die wogenden Pfade; Es winken uns Mond und Abendstern, Sie baden in thauigen Fluthen so gern, Wir folgen den winkenden Strahlen!
Wie spiegelt im sanftgebrochenen Tanz Der Neumond auf wallenden Fluthen, Es strahlt der hesperischen Küsten Kranz, Hoch leuchten des Schneeberges Gluthen! Und Purpur und Lilien im blauen Meer, Sie wogen schmeichelnd um′s Schiffchen her, O liebliche Stille des Meeres!
Still sinkt in des Meeres tiefwogendem Schooß Die Sonn′ in die westliche Ferne; Wie raget der düstere Alpenkoloß Ins dunkle Gewölbe der Sterne! Weiß schäumt die Wog′ um das Felsenriff, Rasch gleitet auf spritzenden Wogen das Schiff, O kühne Fahrt auf dem Meere!
Gleich dem Aar stürzt herab aus der Felsenkluft Der Alpenwind jach auf die Fluthen! Ein trüber Schleier durchwallet die Luft, Es erlöschen die rosigen Gluthen! Hoch schäumet die Wog′ um des Schiffleins Bord, Es sauset der Sturm im wilden Accord; O trügliche Stille des Meeres!
Laut hallt das Gestade, die Woge rauscht, Und Schaum überschneiet die Küsten! Auf der Felsbank sitzet der Schiffbruch und lauscht, Und es heult der Sturm durch die Wüsten! Das Schifflein schwanket Wog′ auf und Wog′ ab; Unter jeder sich öffnet ein feuchtes Grab - Ach rette, Vater, uns Armen!
Und tief hinunter und tief herauf Aus der Nacht in die täuschende Ferne Wird geworfen das Schifflein im irren Lauf, Es verlöschen die leitenden Sterne! In weitgeborstener Wogen Schlund (Nicht erreichet das Auge den schwarzen Grund!) Wird dort uns Armen gebettet!
Nicht mehr der Himmel, die Wog′ erglüht Vom wildgeschleuderten Schaume: Des offenen Abgrunds Rachen sprüht Bis an sinkender Wolken Saume! Im Nachen erkranket das Mutterherz, Nur fühlend der Mägdlein, der holden, Schmerz: Mit den süßen Mägdlein Erbarmen!
Die Küste von zackigen Klippen umstarrt, Die nahe, sie beut kein Erbarmen! Dort bettet die Woge die Todten hart - O wehe, o wehe den Armen! Der Klippenfuß starrt aus der Fluth empor, Ihn umtoben die Wogen im hellen Chor! O leite das Schifflein vorüber!
Und geleitet ward es, das Schifflein, wohl Über hohe brandende Wogen! Von Vaterhand ward es liebevoll An den sicheren Strand gezogen! Es entstieg die Sonne der Purpurfluth, Und strahlet ins Herz den Geretteten Muth; O Dank dem Vater des Lebens!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Schifffahrt oder Die Geretteten" von Friederike Sophie Christiane Brun erzählt von einer dramatischen Seereise, die mit Gefahr und Rettung verbunden ist. Anfangs wird eine idyllische Szene beschrieben, in der der Himmel lächelt und die Wogen glänzen, was Hoffnung und Schönheit symbolisiert. Der Mond und der Abendstern winken, und das Schiff folgt den einladenden Strahlen. Diese friedliche Atmosphäre wird jedoch schnell von einem Sturm überwältigt, der die Gefahr und die Unberechenbarkeit des Meeres darstellt. Im zweiten Teil des Gedichts intensiviert sich die Gefahr, als der Alpenwind herabstürzt und die Luft trübe wird. Die einst rosigen Gluthen erlöschen, und das Schifflein wird von den wilden Wellen umgeben. Die Stille des Meeres verwandelt sich in eine trügerische Ruhe, die von einem Sturm abgelöst wird. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Schiffbrüchigen werden deutlich, als sie um Rettung flehen und das Schiff im Dunkeln hin und her geworfen wird. Der dritte Teil des Gedichts beschreibt die schreckliche Situation, in der das Schifflein in den Abgrund zu stürzen droht. Die Schiffbrüchigen sind von Angst und Schmerz erfüllt, besonders das Mutterherz, das um die holden Mägdlein besorgt ist. Die Küste mit ihren zackigen Klippen bietet kein Erbarmen, und die Wogen betten die Toten hart. Doch am Ende wird das Schifflein von der liebevollen Hand des Vaters an den sicheren Strand gezogen. Die aufgehende Sonne strahlt Mut in die Herzen der Geretteten, und sie danken dem Vater des Lebens für ihre Rettung. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Erleichterung nach der überstandenen Gefahr.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- O Dank dem Vater des Lebens
- Metapher
- An den sicheren Strand gezogen
- Personifikation
- Ihn umtoben die Wogen im hellen Chor
- Vergleich
- Gleich dem Aar stürzt herab aus der Felsenkluft