Die Schaukel
Auf meiner Schaukel in die Höh,
was kann es Schöneres geben!
So hoch, so weit: die ganze Chaussee
und alle Häuser schweben.
Weit über die Gärten hoch, juchhee,
ich lasse mich fliegen, fliegen;
und alles sieht man, Wald und See,
ganz anders stehn und liegen.
Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?
Im Himmel! ich glaube, ich falle!
Das tut so tief, so süß dann weh,
und die Bäume verbeugen sich alle.
Und immer wieder in die Höh,
und der Himmel kommt immer näher;
und immer süßer tut es weh –
der Himmel wird immer höher.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Die Schaukel“ von Richard Dehmel beschreibt in lebendigen Bildern die Erfahrung des Schaukelns und die damit verbundene Freude, aber auch die flüchtige Angst. Das lyrische Ich erlebt eine physische und emotionale Reise, die durch die Bewegung der Schaukel in immer größere Höhen getragen wird. Die ersten beiden Strophen etablieren ein Gefühl der Aufregung und Weite. Die Welt wird aus einer neuen Perspektive betrachtet, die Chaussee und die Häuser scheinen zu schweben, was ein Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit vermittelt. Die wiederholte Verwendung von „hoch“ und „fliegen“ unterstreicht das erhabene Gefühl und die Leichtigkeit, die mit der Bewegung verbunden sind.
Die dritte Strophe markiert einen Wendepunkt. Das anfängliche Vergnügen wandelt sich in eine Mischung aus Angst und Ekstase. Die Frage „Wo ist mein Zeh?“ deutet auf ein Gefühl der Entgrenzung hin, als ob das lyrische Ich die Kontrolle über seinen Körper verliert. Die Aussage „Im Himmel! ich glaube, ich falle!“ deutet auf eine beängstigende, aber auch faszinierende Nähe zum Abgrund oder zum Unbekannten hin. Dieses Gefühl wird durch die Beschreibung der „tiefe, süße“ Schmerzen verstärkt, die eine Mischung aus körperlicher und emotionaler Empfindung erzeugt. Die verbeugenden Bäume könnten hier als eine Art menschliche Reaktion auf das seltsame Erleben des lyrischen Ichs gedeutet werden.
Die vierte Strophe verstärkt das Gefühl der Intensität und des zunehmenden Glücks. Die Wiederholung von „immer“ und „höher“ betont die unaufhaltsame Bewegung der Schaukel und die damit verbundene Steigerung der Emotionen. Der Himmel, der anfangs nur als Hintergrund wahrgenommen wurde, rückt immer näher, was die existentielle Erfahrung des lyrischen Ichs vertieft. Das „süße Weh“ wird ebenfalls verstärkt, was auf eine zunehmende Akzeptanz der Erfahrungen und eine Verschmelzung von Schmerz und Vergnügen hindeutet. Das Gedicht kulminiert in einem Zustand, in dem die Grenzen zwischen Freude und Leid, Realität und Traum verschwimmen.
Insgesamt ist „Die Schaukel“ ein Gedicht über die Kindheit, das Erwachsen werden und die menschliche Erfahrung des Schwingens zwischen Vergnügen und Angst. Es zeigt, wie das lyrische Ich durch die Bewegung der Schaukel eine neue Perspektive auf die Welt gewinnt und gleichzeitig die Grenzen seiner eigenen Existenz auslotet. Dehmel verwendet eine einfache, aber effektive Sprache, um die emotionalen und sinnlichen Eindrücke dieser Erfahrung zu vermitteln. Die Bewegung der Schaukel wird so zu einer Metapher für das Leben selbst, das durch Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz gekennzeichnet ist.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.