Die Sänger der Vorwelt

Friedrich von Schiller

1805

Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find′ ich die Sänger, Die mit dem lebenden Wort horchende Völker entzückt, Die vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen gesungen, Und getragen den Geist hoch auf den Flügeln des Lieds? Ach, noch leben die Sänger; nur fehlen die Taten, die Lyra Freudig zu wecken, es fehlt, ach! Ein empfangendes Ohr. Glückliche Dichter der glücklichen Welt! Von Munde zu Munde Flog, von Geschlecht zu Geschlecht euer empfundenes Wort. Wie man die Götter empfängt, so begrüßte Jeder mit Andacht, Was der Genius ihm, redend und bildend, erschuf. An der Glut des Gesangs entflammten des Hörers Gefühle, An des Hörers Gefühl nährte der Sänger die Glut. Nährt′ und reinigte sie! Der Glückliche, dem in des Volkes Stimme noch hell zurück tönte die Seele des Lieds, Dem noch von außen erschien, im Leben, die himmlische Gottheit, Die der Neuere kaum, kaum noch im Herzen vernimmt.

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Illustration zu Die Sänger der Vorwelt

Interpretation

Das Gedicht "Die Sänger der Vorwelt" von Friedrich von Schiller thematisiert den Verlust der wahren Dichter und ihrer Wirkung in der Gegenwart. Es beginnt mit der Klage über das Verschwinden der vortrefflichen Sänger, die einst mit ihren Worten Völker begeisterten und den Geist auf die Flügel des Lieds trugen. Schiller bedauert, dass zwar noch Sänger existieren, aber die Taten und das empfängliche Ohr fehlen, um ihre Kunst zu würdigen. In der zweiten Strophe vergleicht Schiller die Dichter der Vorwelt mit glücklichen Gestalten in einer glücklichen Welt. Ihre Worte wurden von Mund zu Mund und von Generation zu Generation weitergegeben, ähnlich wie man die Götter verehrt. Die Dichter der Vorwelt schufen mit ihrer Kunst eine tiefe Verbindung zwischen dem Genius und dem Publikum, wobei sich die Gefühle des Hörers an der Glut des Gesangs entfachten und der Sänger wiederum durch die Gefühle des Hörers genährt und gereinigt wurde. Im letzten Strophenabschnitt beschreibt Schiller das Glück derer, die noch die Seele des Lieds in der Stimme des Volkes widerhallen hören konnten. Diese Glücklichen konnten die himmlische Gottheit noch im Leben wahrnehmen, während die neuere Generation diese göttliche Präsenz kaum noch im Herzen zu erkennen vermag. Das Gedicht endet mit einem melancholischen Ton, der den Verlust der spirituellen und künstlerischen Verbindung zwischen den Dichtern und ihrem Publikum betont.

Schlüsselwörter

sänger wort himmel lieds leben glückliche munde geschlecht

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Nährt′ und reinigte sie! Der Glückliche, dem in des Volkes Stimme noch hell zurück tönte die Seele des Lieds
Anapher
Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find′ ich die Sänger, Die mit dem lebenden Wort horchende Völker entzückt, Die vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen gesungen
Chiasmus
An der Glut des Gesangs entflammten des Hörers Gefühle, An des Hörers Gefühl nährte der Sänger die Glut
Hyperbel
Von Munde zu Munde Flog, von Geschlecht zu Geschlecht euer empfundenes Wort
Kontrast
Glückliche Dichter der glücklichen Welt! Von Munde zu Munde Flog, von Geschlecht zu Geschlecht euer empfundenes Wort
Metapher
getragen den Geist hoch auf den Flügeln des Lieds
Personifikation
Was der Genius ihm, redend und bildend, erschuf