Die Ruinen
1844»Ach, wie ungemein poetisch Die Ruinen auf den Höhn!« Fräulein, Sie sind sehr ästhetisch; Ja, Ruinen, sie sind schön.
Und das Fräulein, drob geschmeichelt. Fährt in der Extase fort, Während sie den Bulldog streichelt: »Wie poetisch ist es dort!
Grüner Wald, das ew’ge Leben, Immer sprossend, immer jung! Und der greise Stein daneben: Träumende Erinnerung!
Epheu schlingt sich um die Blöße, Will sie grün erhalten noch; O du Bild zerfallner Größe, Wie poetisch bist du doch!«
Fräulein, Sie sind sehr ästhetisch, Sie empfinden schön und wahr, Und Sie sagen’s so pathetisch, Daß es selber mir wird klar.
Ja, ich sehe: auf den Höhen Sind nur noch Ruinen da! Wo die alten Zwinger stehen, Rauscht der Wald Hallelujah!
In die Burgen der Tyrannen Drang der Geist zerstörend ein, Trieb die Räuberbrut von dannen, Warf hinunter Stein auf Stein.
Heil’ger Geist, du ein’ge Dreiheit, Gott im Menschen, habe Dank! Auf den Bergen nur ist Freiheit! Nur im Thal herrscht noch der Zwang.
Heiser schreien dort die Raben Um den Schutt der Tyrannei, Ihre Knochen sind begraben, Und der Geist, der Geist ist frei!
Ja, mein Fräulein, Gottvertrauend Schau’ ich auf die stolzen Höhn! Hochpoetisch, Herzerbauend Sind Ruinen, wunderschön!
Wunderschön die düstern Mienen Durch das grüne Laubgewind! Doch das Schönste an Ruinen Ist, daß sie Ruinen sind.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ruinen" von Adolf Glasbrenner ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Ästhetisierung von Ruinen im 19. Jahrhundert. Das Gedicht beginnt mit einer Dame, die die Ruinen auf den Höhen als äußerst poetisch und ästhetisch empfindet. Der Erzähler stimmt ihr zu und beschreibt die Ruinen als Symbol für Freiheit und den Triumph des Geistes über die Tyrannei. Im zweiten Teil des Gedichts wird die positive Sicht auf die Ruinen weiter ausgebaut. Der Erzähler preist den heiligen Geist und die Freiheit, die auf den Bergen herrscht, während im Tal noch Zwang herrscht. Die Ruinen werden als herzerbauend und wunderschön beschrieben, mit ihren düsteren Mienen, die durch das grüne Laubgewind hindurchscheinen. Im letzten Vers des Gedichts enthüllt der Erzähler jedoch die wahre Schönheit der Ruinen: dass sie Ruinen sind. Dieser ironische Schluss deutet darauf hin, dass die ästhetische Verklärung der Ruinen eine Art Verdrängung der dunklen Geschichte ist, die mit ihnen verbunden ist. Das Gedicht kritisiert somit die romantische Verklärung von Ruinen und fordert dazu auf, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verdrängen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Heil'ger Geist, du ein'ge Dreiheit, Gott im Menschen, habe Dank!
- Ironie
- Fräulein, Sie sind sehr ästhetisch, Sie empfinden schön und wahr, Und Sie sagen's so pathetisch, Daß es selber mir wird klar
- Metapher
- O du Bild zerfallner Größe
- Personifikation
- Epheu schlingt sich um die Blöße, Will sie grün erhalten noch
- Symbolik
- Ruinen stehen für Vergänglichkeit und Freiheit