Die Rosenschale
1900Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben Zu einem Etwas sich zusammenballen, das Haß war und sich auf der Erde wälzte wie ein von Bienen überfallnes Tier; Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber, rasende Pferde, die zusammenbrachen, den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß als schälte sich der Schädel aus dem Maule. Nun aber weißt du, wie sich das vergißt: Denn vor dir steht die volle Rosenschale, die unvergeßlich ist und angefüllt mit jenem Äußersten von Sein und Neigen, Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn, das unser sein mag: Äußerstes auch uns.
Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende, Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raum zu nehmen, den die Dinge rings verringern, fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes und lauter Inneres, viel seltsam Zartes und Sich-bescheinendes - bis an den Rand: ist irgend etwas uns bekannt wie dies?
Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht, weil Blütenblätter Blütenblätter rühren? Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid, und drunter liegen lauter Augenlider, geschlossene, als ob sie, zehnfach schlafend, zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft. Und dies vor allem: daß durch diese Blätter das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel, in dessen Feuerschein das wirre Bündel der Staubgefäße sich erregt und aufbäumt.
Und die Bewegung in den Rosen, sieh: Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel, daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre Strahlen nicht auseinander in das Weltall.
Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug und dasteht in den großen offnen Blättern wie eine Venus aufrecht in der Muschel; und die errötende, die wie verwirrt nach einer kühlen sich hinüberwendet, und wie die kühle fühllos sich zurückzieht, und wie die kalte steht, in sich gehüllt, unter den offenen die alles abtun. Und was sie abtun, wie das leicht und schwer, wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel und eine Maske sein kann, je nach dem,. und wie sies abtun: wie vor dem Geliebten.
Was können sie nicht sein: war jene gelbe, die hohl und offen daliegt, nicht die Schale von einer Frucht, darin dasselbe Gelb, gesammelter, orangeröter, Saft war? Und was für diese schon zu viel, das Aufgehn, weil an der Luft ihr namenloses Rosa den bittern Nachgeschmack des Lila annahm? Und die batistene, ist sie kein Kleid, in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt, mit dem zugleich es abgeworfen wurde im Morgenschatten an dem alten Waldbad? Und diese hier, opalnes Porzellan, zerbrechlich, eine flache Chinatasse und angefüllt mit kleinen hellen Faltern, - und jene da, die nichts enthält als sich.
Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend, wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen und Wind und Regen und Geduld des Frühlings und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal und Dunkelheit der abendlichen Erde bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne in eine Hand voll Innres zu verwandeln.
Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Rosenschale" von Rainer Maria Rilke beschreibt die Schönheit und Vielfalt einer Rosenschale und vergleicht sie mit den verschiedenen Aspekten des Lebens. Die Rosenschale wird als unvergesslich und voll von allem Äußersten des Seins und Neigens dargestellt. Sie symbolisiert das Leben, das Raum braucht, ohne Raum zu nehmen, und das Innere, das sich nach außen hin zeigt. Das Gedicht beschreibt auch die Bewegung in den Rosen und wie sie sich öffnen und schließen. Es wird eine weiße Rose beschrieben, die sich selig öffnet und wie eine Venus in einer Muschel dasteht. Es gibt auch eine errötende Rose, die sich nach einer kühlen Rose hinwendet, während sich die kühle Rose zurückzieht. Die Rosen werden als etwas dargestellt, das leicht und schwer sein kann, wie ein Mantel, eine Last, ein Flügel oder eine Maske. Das Gedicht endet mit der Beschreibung der Rosenschale als etwas, das sorglos in den offenen Rosen liegt. Es wird betont, dass die Rosen sich selbst enthalten und die Welt um sie herum in ein Handvoll Innenleben verwandeln. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Wertschätzung für die Schönheit und Komplexität der Natur und des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen
- Personifikation
- Nun aber weißt du, wie sich das vergißt
- Vergleich
- wie vor dem Geliebten