Die Rose von Newport

Conrad Ferdinand Meyer

1879

Sprengende Reiter und flatternde Blüten, Einer voraus mit gescheitelten Locken - Ist es der Lenz auf geflügeltem Renner? Karl ist’s, der Jüngling, der Erbe von England, Und die sich nähern in goldener Mailuft, Das sind die Giebel und Tore von Newport, Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose! Jubelnde Gassen und jubelnde Wimpel Und ein von treibender Jugend geschwelltes, Jubelndes Herz in dem Busen des Stuart… Unter den blühenden Linden des Marktes Schreitet ein Reigen von blühnden Gestalten, Und eine Schönste mit herzlichem Beben Bietet dem Prinzen die Rose von Newport: “Seliges Gestern und Morgen und Heute, Herr, dir die Rose von Newport bedeute!”

Morgen erzählen die Linden das Märchen Von der entblätterten Rose von Newport.

Sprengende Reiter und wirbelnde Flocken, Einer voraus mit verwilderten Haaren - Ist es der Winter, der finstre Geselle? Karl ists, der Flüchtling, der König von England. Seit er das Blut seines Volkes vergossen, Reitet er neben zerschmetterndem Abgrund… Und die sich nähern in weißem Gestöber, Das sind die Giebel und Tore von Newport, Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose! Nirgend ein Jubel und nirgend ein Wimpel, Polternde Hämmer und kreischende Feilen . Und ein von eisernen Fäusten gepreßtes, Ächzendes Herz in dem Busen des Stuart… Unter den frierenden Linden des Marktes Bettelt ein Kind mit verschatteten Augen, Bietet dem König ein dorrendes Röschen: “Seliges Gestern und Morgen und Heute, Herr, dir die Rose von Newport bedeute!” Karl, der die Züge des Kindes betrachtet, Schmal und gespenstig im Spiegel des Elends Sieht er das eigene Antlitz und schaudert.

Morgen erzählen die Linden das Märchen Von dem enthaupteten König von England.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Die Rose von Newport

Interpretation

Das Gedicht "Die Rose von Newport" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt in zwei kontrastierenden Strophen die Geschichte von Karl, dem Prinzen und späteren König von England. In der ersten Strophe wird Karl als hoffnungsvoller Erbe gefeiert, der von jubelnden Menschenmengen in Newport empfangen wird. Eine schöne Frau überreicht ihm eine Rose als Symbol für Glück und Zukunft. Die Stadt ist voller Leben und Freude, und Karl's Herz ist voller Jubel. Die zweite Strophe zeigt einen starken Kontrast zur ersten. Karl ist nun ein geflohener König, der sein Volk verraten hat und am Rande des Abgrunds reitet. Die Stadt Newport ist kalt und leer, und ein armes Kind bietet ihm eine welke Rose an. Karl erkennt sich selbst im Spiegel des Elends des Kindes und schaudert. Die Linde, die in beiden Strophen erwähnt wird, erzählt die Geschichte von der Rose und dem König, der enthauptet wurde. Das Gedicht verdeutlicht den Wandel von Hoffnung zu Verzweiflung und den Fall eines Königs, der sein Volk verraten hat. Die Rose von Newport symbolisiert sowohl das Glück als auch das Leid, das Karl im Laufe seines Lebens erfahren hat.

Schlüsselwörter

newport rose linden morgen karl england könig sprengende

Wortwolke

Wortwolke zu Die Rose von Newport

Stilmittel

Bildsprache
Schmal und gespenstig im Spiegel des Elends
Hyperbel
Jubelnde Gassen und jubelnde Wimpel
Kontrast
Nirgend ein Jubel und nirgend ein Wimpel
Metapher
Sieht er das eigene Antlitz und schaudert
Personifikation
Morgen erzählen die Linden das Märchen
Symbolik
Das sind die Giebel und Tore von Newport